Utopien und Verfremdung

Zum Abschluss meiner diesjährigen Konferenzentournee war ich diese Woche an der internationalen Tagung 100 Years of Ostranenie an der Universität Erfurt.

Mit Ostranenie bezeichnet der Russische Formalist Victor Šklovskij in seinem Aufsatz «Die Kunst als Verfahren» einen Typus stilistischer Verfahren, bei dem vermeintlich bekannte Gegenstände durch ungewohnte Darstellungsverfahren verfremdet werden. Für Šklovskij zeichnet sich Kunst – und damit auch Literatur – dadurch aus, dass sie uns die Dinge wieder neu sehen lässt. Während unsere Alltagswahrnehmung oft automatisiert ist – das heisst, wir nehmen viele Dinge gar nicht mehr als das wahr, was sie wirklich sind –, ist es die Aufgabe von Kunst, uns die Dinge wieder sehen zu lassen; Šklovskij formuliert es in einer viel zitieren Passage folgendermassen:

Und gerade, um das Empfinden des Lebens wiederherzustellen, um die Dinge zu fühlen, um den Stein steinern zu machen, existiert das, was man Kunst nennt. Ziel der Kunst ist es, ein Empfinden des Gegenstandes zu vermitteln, als Sehen, und nicht als Wiedererkennen (Šklovskij 1969: 15).

Mittels ostranenie verhindern literarische Texte eine automatisierte Wahrnehmung; das Verfahren wirkt quasi als kognitiver Bremsblock, der den Rezipienten dazu zwingt, vermeintlich Bekanntes nicht bloss wieder zu erkennen, sondern in seiner tatsächlichen Qualitität zu sehen.

Viktor Šklovskij

Viktor Šklovskij (1893–1984).

Ich habe mich in meiner Dissertation ausführlich mit Šklovskijs Ostranenie-Konzept auseinandergesetzt. Vor allem deshalb, weil sich Darko Suvin, der Urvater der SF-Forschung, in seiner Poetik der Science Fiction auf ihn bezieht. Suvin versteht SF als «erkenntnisbezogene Verfremdung» («cognitive estrangement»). Wie ich in meinem Buch darlege, meint er damit aber etwas ganz anderes als Šklovskij. Tatsächlich vollführt SF auf formaler Ebene das genaue Gegenteil von Ostranenie –die fremden Elemente werden nicht verfremdet, sondern erscheinen vielmehr als normal, sie werden naturalisiert. 1

Obwohl Ostranenie für mich somit ein wichtiges Konzept ist, hätte ich wohl kein Paper für die Konferenz eingereicht, wenn nicht deren rührige Organisatorin, die stets enthusiastische Alexandra Berlina, die dieser Tage auch einen Šklovskij-Readerveröffentlicht hat, auf mich zugekommen wäre. Als Nicht-Slawist war ich an der Konferenz klar in der Minderheit. Soweit ich das einschätzen kann, kam mein Vortrag, in dem ich mein Konzept anhand von Edward Bellamys utopischem Roman Looking Backward entwickelte, aber dennoch ganz gut an. Selbst ein akuter Verfremdungsmoments meinerseits, während dem ich nicht mehr zwischen «familiar» und «strange» unterscheiden konnte (s. Video, Vortrag auf Englisch), schien nicht allzu negativ gewirkt zu haben.

Literatur

Bellamy, Edward: Looking Backward: 2000–1887. New York 2009 (11888).

Šklovskij, Viktor: «Die Kunst als Verfahren».Aus dem Russischen übers. von Rolf Fieguth. In: Striedter, Jurij (Hg.): Texte der Russsischen Formalisten. Bd. 1. Texte zur allgemeinen Literaturtheorie und zur Theorie der Prosa. München 1969, S. 3–35.

Spiegel, Simon: Die Konstitution des Wunderbaren. Zu einer Poetik des Science-Fiction-Films. Marburg 2007.

Suvin, Darko: Poetik der Science Fiction. Zur Theorie einer literarischen Gattung. Aus dem Englischen übers. von Franz Rottensteiner. Frankfurt a. M. 1979 (Original: Metamorphoses of Science Fiction. Yale 1979).

Anmerkungen:

  1. Siehe dazu Die Konstitution des Wunderbaren, S. 197–241. Meine zentralen Überlegungen sind auch in folgenden Aufsätzen enthalten: «Der Begriff der Verfremdung in der Science-Fiction-Theorie. Ein Klärungsversuch». In: Quarber Merkur. Franz Rottensteiners Literaturzeitschrift für Science Fiction und Phantastik 103/104, 2006, S. 13–40 (PDF), resp. «Things Made Strange. On the Concept of ‹Estrangement› in Science Fiction Theory“. In: Science Fiction Studies 35.3/106, 2008, 369–385 (PDF).

Mein Beitrag zu «500 Jahre Utopia»

Gestern Abend fand an der Universität Paderborn ein Symposium zu Ehren von Richard Saage statt (s. den letzten Beitrag). Die Veranstaltung stand unter dem Titel «500 Jahre Utopia». Für mich bot der schöne Anlass nicht nur die Gelegenheit, bereits bekannte utopische Mitstreiter wie Peter Seyferth oder Susanna Layh wiederzusehen, sondern auch einige wichtige Vertreter der Utopieforschung, die ich bislang nur lesenderweise kannte, endlich einmal in Fleisch und Blut zu treffen. Neben dem Jubilar waren das u. a. Thomas Schölderle und Hans Ulrich Seeber. Die beiden stehen zwar für zwei Generationen der Utopieforschung und kommen aus unterschiedlichen Disziplinen – Schölderle ist Politologe, Seeber Literaturwissenschafler –, beide sind für mich aber wichtige Referenzen in meinem Forschungsprojekt.

Ich selbst durfte an der Veranstaltung einen Vortrag halten (s. Film; der Ton ist etwas leise), ich sprach – natürlich – über mein Forschungsprojekt zur Utopie im nichtfiktionalen Film. Ich habe diesen Vortrag  bereits in verschiedenen Fassungen vor ganz unterschiedlichen Zuschauergruppen gehalten – mit keineswegs immer dem gleichem Erfolg. Somit war ich durchaus gespannt, wie er in diesem Rahmen, just vor den Leuten, auf die ich mich fortlaufend beziehe, ankommen würde. Insgesamt bin ich mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Es war nicht nur sehr angenehm, dass ich für einmal nicht erklären musste, was ich unter einer klassischen Utopie verstehe, auch sonst waren die Reaktionen sehr ermutigend.

500 Jahre Utopia

«500 Jahre Utopia» in Paderborn

Wer sich im deutschsprachigen Raum mit dem Thema Utopie beschäftigt, wird früher oder später – wahrscheinlich eher früher – auf den Namen Richard Saage stossen. Der Politologe hat zahlreiche Publikationen zum Thema veröffentlicht, unter anderem die vierbändigen Utopischen Profile, die wohl umfassendste Darstellung utopischer Entwürfe in deutscher Sprache. Daneben hat Saage noch diverse Monographien und eine schier unüberschaubare Zahl von Aufsätzen zur Utopie und anverwandten Bereichen verfasst. Bekannt wurde er nicht zuletzt für seine Forderung, dass die Utopieforschung von einem klassischen, an Thomas Morus’ Utopia orientierten Begriff ausgehen sollte. Diesem Ansatz folge auch ich in meinem Forschungsprojekt, wobei ich mich an dem vom Saage-Schüler Thomas Schölderle in dessen Dissertation Utopia und Utopie entwickelten Modell orientiere.500 Jahre Utopia

Aus Anlass von Saages 75. Geburtstag findet diesen Mittwoch an der Universität Paderborn das Symposium 500 Jahre Utopia statt. Zu meiner grossen Freude gehöre ich zu den Rednern, die an der Veranstaltung dem Jubilar die Ehre erweisen dürfen. Ich freue mich sehr auf den Anlass, nicht zuletzt, weil ich Saage sowie eine Reihe weiterer Kollegen, die ich bislang nur lesenderweise kannte, dort nun erstmals persönlich treffen werde.

Programm 500 Jahre Utopia

 

Foolproof and Incapable of Error

Die Slides meines Vortrags “Foolproof and Incapable of Error” Why Do Filmic Robots and AIs Always Go Bad?, den ich gestern an der interdisziplinären Tagung Wo/Man, Mind, Machine in Berlin hielt, sind nun online verfügbar.

Leider hat es mit der Aufnahme meines Kommentars nicht geklappt, wodurch der Film meinen Vortrag nur unvollständig wiedergibt. Irgendwann muss ich die Aufnahmefunktion von Keynote besser in den Griff kriegen.

Vortrag

Simon in Action (Bild von lapsimont)

Update: Siehe auch den Blogeintrag von lapsimont.

Wo/Man Mind Machine (13./14. Juni)

 

HAL

Anfang nächster Woche findet in Berlin die interdisziplinäre (englischsprachige) Tagung Wo/Man Mind Machine statt, die sich um die Interaktion zwischen Mensch und Maschine dreht. Ich trete am Montagnachmittag mit einem Vortrag mit dem Titel «Foolproof and Incapable of Error.› – Why Do Filmic Robots and AIs Always Go Bad?» an.

Aus der Tagungsausschreibung:

What are the various interfaces between mind, wo/man, and machine and how can these interfaces be further explored within and across different disciplines? In this conference, we will investigate the complex interaction between humans and machines as well as various ways of reverse-engineering the brain. We will discuss current approaches, theories, and methodologies in this field, and also identify shared research interests, which might lead to future collaborations between the humanities and the sciences, between members of both academies, and beyond.

Das vollständige Tagungsprogramm gibt es hier.

Veranstaltungsort: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW), Einstein-Saal, Jägerstr. 22/23, 10117 Berlin.

Kontakt & Anmeldung: manmindmachine@diejungeakademie.de