Von Phantastik sprechen

Tzvetan Todorov

Todorov und kein Ende.

Die nächste Ausgabe der Zeitschrift für Fantastikforschung verspätet sich leider etwas und wird erst im neuen Jahr erscheinen. Gewissermassen zur Überbrückung der Wartezeit stelle ich nun meinen Artikel «Wovon wir sprechen, wenn wir von Phantastik sprechen» online, der in der letzten Ausgabe der ZFF erschienen ist.

Ich habe schon früher kurz über diesen Artikel geschrieben; es ist ein Versuch, die leidige Diskussion um den Phantastikbegriff, die seit der Veröffentlichung von Tzvetan Todorovs Einführung in die fantastische Literatur (das französische Original erschien 1970, die erste deutsche Übersetzung bereits zwei Jahres später)  in der deutschsprachigen Forschung mehr oder weniger heftig tobt, auf eine Meta-Ebene zu hieven. Ausgangspunkt ist die im Grunde nicht sonderlich neue Einsicht, dass Genredefinitionen kontextgebunden sind; jede Genredefinition, sei sie nun explizit oder – was häufiger der Fall ist – nur implizit, vollzieht sich vor dem Hintergrund eines Genrebewusstseins und ist somit auch nicht überzeitlich stabil. 1 Vielmehr sind Genres historisch und – abhängig von der jeweiligen «Benutzergruppe» – hochgradig wandelbar. Die zeitweise ziemlich erbittert geführte Diskussion, was Phantastik denn nun wirklich ist, erscheint vor dem Hintergrund der modernen Genretheorie als ziemlich sinnlose Angelegenheit.

Der ZFF-Artikel war nicht zuletzt der Versuch, das Thema Todorov zumindest für mich endlich abzuschliessen. Nach längeren Passagen in meiner Diss, einem ganzen Buch zum Thema sowie eben dem ZFF-Artikel glaube ich, eigentlich alles zum Thema gesagt zu haben. Frei nach Wittgenstein: «Worüber man schon alles gesagt hat, darüber muss man schweigen.»

Thomas Morus

Keine Liebe für Thomas Morus bei der GFF.

Mittlerweile bin ich aber bereits unsicher, ob ich diesem Vorsatz treu bleiben kann. Die nächste Jahrestagung der Gesellschaft für Fantastikforschung, die vom 22. bis 24. September an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster stattfinden wird, läuft nämlich unter dem Thema: «The Fantastic Now: Tendenzen der Fantastikforschung im 21. Jahrhundert». Nun sind solche Schwerpunkte zwar nicht wirklich bindend, erfahrungsgemäss sind die Beiträge inhaltlich weitaus weiter gestreut als das eigentliche Tagungsthema. Dennoch bin ich nicht sonderlich begeistert über diesen Schwerpunkt. 2016 würde sich angesichts des 500-jährigen Jubiläums der Erstausgabe eines gewissen Buches eigentlich ein anderes Thema, das mir derzeit sehr viel näher steht – siehe auch die Adresse dieses Blogs – anbieten. Und wenn als erstes mögliches Vortragsthema im Call for Paper «Was ist ‹Fantastik›?» genannt wird, wirkt das auf mich fast ein bisschen, als wolle man die Forschungsgeschichte zurückdrehen und wieder zu den wenig ergiebigen Diskussionen rund um Todorov und die Frage, was Phantastik denn nun wirklich ist, zurückkehren. Ich bezweifle, dass hier noch viel Interessantes geleistet werden kann und verweise diesbezüglich ganz unbescheiden noch einmal auf meinen Artikel.

Wie ich gehört habe, äussert sich Todorov selbst übrigens seit Jahren nicht mehr zum Thema und lehnt alle entsprechenden Einladungen und Anfragen ab. Vielleicht nicht die schlechteste Strategie.

Literatur

Todorov, Tzvetan: Einführung in die fantastische Literatur. Aus dem Französischen übers. von Karin Kersten, Senta Metz, Caroline Neubaur et al. Frankfurt a.\,M. 1992 (Original: Introduction à la littérature fantastique. Paris 1970).

Schweinitz, Jörg:«‹Genre› und lebendiges Genrebewusstsein. Geschichte eines Begriffs und Probleme seiner Konzeptualisierung». In: montage/av. Jg. 3, Nr. 2, 1994, 99–118. [→ PDF]

Spiegel, Simon: Theoretisch phantastisch. Eine Einführung in Tzvetan Todorovs Theorie der phantastischen Literatur. Murnau am Staffelsee 2010.

– : «Wovon wir sprechen, wenn wir von Phantastik sprechen». In: Zeitschrift für Fantastikforschung. Jg. 5.1, Nr. 9, 2015, 3–25. [→PDF]

Anmerkungen:

  1. Siehe dazu den lesenswerten Text von Jörg Schweinitz. Als Filmwissenschaftler schreibt Schweinitz zwar über den Film, seine Überlegungen gelten aber ebenso für die Literatur.

ZFF #9

Dieser Tage sollt die neue Ausgabe der Zeitschrift für Fantastikforschung bei den Abonnenten eintrudeln. Es ist das erste Heft, an dem ich als Mit-Redaktor beteiligt war, und enthält natürlich wieder zahlreiche lesenswerte Artikel.

Neue Begegnungen

Markus Orths

Ein Interview mit Markus Orths eröffnet die neue Rubrik «Begegnungen».

Neben der veränderten Redaktion wartet ZFF Nummer 9 auch mit einer inhaltlichen Neuerung auf, die mir besonders am Herzen liegt. Erstmals gibt es in dieser Ausgabe die Sparte «Begegnungen». Hier soll die Brücke zu den Menschen geschlagen werden, ohne die wir arbeitslos wären – den Schöpfern der Werke, denen wir uns widmen. Wir drucken allerdings nicht bloss ein Interview ab, vielmehr möchten wir uns einem aktuellen Werk jeweils von zwei Seiten her nähern: Durch einen wissenschaftlichen Artikel sowie in einem Gespräch mit dem/r jeweiligen Autor/in (selbstverständlich sind hier grundsätzlich auch Gespräche mit Schöpfern nicht-literarischer Werke denkbar). Den Auftakt macht Ebenfalls-Neu-Redaktorin Laura Zinn mit Markus Orths’ Roman Alpha & Omega.

Die Rubriken «Review-Essay» und «Internationale Perspektiven zur Fantastik» sind zwar nicht neu, in dieser Ausgabe ist aber Letztere mit zwei Artikeln besonders prominent vertreten. Matthias Teicher gibt in seinem Artikel einen Überblick über das (den?) Finnish Weird und Co-Redaktor Jacek Rzeszotnik widmet sich der polnischen Nachkriegsfantastik. Während mir die finnische Literatur insgesamt völlig unbekannt ist, kenne ich aus dem Bereich der polnischen Phantastik zumindest das Werk Stanisław Lems recht gut; wie nicht anders zu erwarten, zeigt Jacek aber, dass sich die polnische Phantastik durchaus nicht auf Lem beschränkt.

Wieder einmal Todorov

Tzvetan Todorov mit Schubladen

Treibt die Forschung schon lange um: Tzvetan Todorov.

Eröffnet wird das Heft durch zwei Artikel, zu denen ich eine besondere Beziehung habe. Im einen Fall ist das nicht weiter erstaunlich, denn er stammt aus meiner Feder. Die Idee zu «Wovon wir sprechen, wenn wir von Phantastik sprechen» hatte ich schon vor geraumer Zeit; tatsächlich hat das Stöbern in alten E-Mails ergeben, dass ich GFF-Chef und Mit-Redaktor Lars Schmeink gegenüber bereits Ende 2010 davon sprach; gut Ding will eben Weile haben … In dem Artikel widme ich mich einmal mehr der alten Streitfrage der Phantastik-Definition. Allerdings schlage ich keine neue Nomenklatur vor, vielmehr geht es mir um eine meta-theoretische Reflexion darüber, warum die Frage, was Phantastik denn nun wirklich ist, so unterschiedliche Ergebnisse zeitigt. Im Kern – und für aufmerksame Leser dieses Blogs nicht unbedingt erstaunlich – dreht sich alles um genretheoretische Fragen. Polemisch formuliert: Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Phantastikforschung kümmert sich nicht um die Erkenntnisse der Genretheorie, was sich direkt auf die jeweiligen Definitionen auswirkt.

Teil meiner Argumentation ist eine ausführliche Auseinandersetzung mit Tzvetan Todorovs Phantastiktheorie, da in dieser im Grunde bereits alle wesentlichen Probleme zutage treten. Es ist nur wenig übertrieben zu sagen, dass sich in der Phantastikforschung seit Todorov in genretheoretischer Hinsicht fast nichts getan hat.

Nach meiner Diss und dem Büchlein Theoretisch phantastisch ist das nun bereits das dritte Mal, dass ich mich an Todorov abarbeite, und ich bin vorsichtig optimistisch, dass  das Thema damit zumindest für mich vorerst gegessen ist.

Update: Der Artikel ist mittlerweile online verfügbar.

Die Wahrheit über Utopia

[zff]_99814-9_1-2015.inddWährend der Phantastik-Artikel eher eine Frucht meiner bisherigen wissenschaftlichen Beschäftigung darstellt, ist der zweite Artikel, Thomas Schölderles «Die Genese Utopias», direkt mit meinem aktuellen Forschungsprojekt verbunden. Schölderles Dissertation Utopia und Utopie ist einer der zentralen Bausteine, auf dem meine aktuelle Arbeit aufbaut; umso mehr freut es mich, dass er unsere Zeitschrift mit einem Artikel bedacht hat. Schölderle reagiert darin auf eine These des Anglisten Jürgen Meyer, der in seiner Habilitation Textvarianz und Schriftkritik argumentiert, dass die veröffentliche Version von Thomas Morus’ Utopia zahlreiche Änderungen enthielt, die gegen den Willen das Autors vorgenommen wurden. Insbesondere die Begleittexte und eine angeblich nicht von Morus autorisierte Gräzisierung diverser Namen hätten dazu geführt, dass das veröffentliche Buch nicht mehr Morus’ Absichten entsprach. Wäre an dieser Behauptung etwas dran, hätte das weitreichende Folgen, da insbesondere die dem eigentlichen Buch vorangestellten Begleittexte normalerweise als Hinweis für dessen satirische Absicht gelesen werden. Wenn diese und die zahlreichen griechischen Wortspiele – u.a. der Titel «Utopia» selbst – nicht mehr von Morus stammen, stehen die bisher gängigen Interpretation insgesamt zur Debatte. Alle, die Schölderles Arbeiten kennen, dürfte es kaum überraschen, dass er Meyers These detailliert zerpflückt. Obwohl der Artikel streng genommen eine Erwiderung auf Meyer ist, eignet er sich hervorragend als Einführung in den komplexen Aufbau des morusschen Urtextes.

Selbstverständlich dürfen auch in dieser Ausgabe die wissenschaftlichen Rezensionen nicht fehlen; 13 Stück sind es dieses Mal, und sie reichen von dem von Rob Latham herausgegebenen Oxford Handbook of Science Fiction über den Sammelband Harry Potter Intermedial bis Jon Towlsons Subversive Horror Cinema.

Einmal mehr also reichhaltiges Material für alle Phantastikforscher.

Das Inhaltsverzeichnis zum Download.

Mysteriöses

Da dieser Tage die neue Ausgabe der Zeitschrift für Fantastikforschung ausgeliefert wird, kann ich nun gemäss Abmachung mit den Herausgebern einen Artikel zugänglich machen, der in der vergangenen Ausgabe erschienen ist. In «Das große Genre-Mysterium: Das Mystery-Genre» befasse ich mich – welche Überraschung – für einmal nicht mit Utopien, sondern mit dem Mystery-Genre.

I- want-to-believe-Plakat

Mit The X-Files fing alles an.

Der Artikel geht auf einen Vortrag zurück, den ich im November 2011 an einer Tagung zur Fernsehserie Lost hielt. 1 Ich selbst war von Lost nie wirklich begeistert; zum einen fand ich – im Gegensatz zu anderen «Qualitätsserien – einige der Schauspieler wirklich schlecht. Vor allem aber hat mich das ständige Rätsel-auf-Rätsel-Türmen schon bald genervt. Ich war denn auch alles andere als überrascht, dass das Ende so unbefriedigend ausfiel. 2 Dennoch sagte ich gerne zu, als man mich anfragte, etwas zum Mystery-Genre zu erzählen, denn für mich war das eine gute Gelegenheit, einer These nachzugehen, die ich schon lange gehegt hatte. Wie ich in dem Artikel argumentiere, ist der Begriff «Mystery», wie er heute im Deutschen meist verwendet wird – also als Bezeichnung für irgendwie seltsame Geschichten – im Wesentlichen eine Erfindung des Fernsehsenders ProSieben. Ich kann anhand zahlreicher Quellen belegen, dass «Mystery» erst im Zusammenhang mit der Ausstrahlung von The X-Files auf ProSieben seine heutigen Bedeutung erhielt (im Englischen dagegen ist eine «mystery novel» schlicht und ergreifend ein Krimi).

Daneben enthält der Artikel noch einige grundsätzliche Überlegungen zur Genretheorie sowie ein paar Gedanken zur Verbindung von Todorovs Phantatsiktmodell, Mythentheorie, Fankultur und erzählerischer Komplexität in Fernsehserien. Alles Weitere kann bei Interesse hier nachgelesen werden. Eine englische Version des Artikels wird im Tagungsband enthalten sein, der demnächst erscheinen sollte.

Bibliographische Angaben

Pearson, Roberta E. (Hg.): Reading Lost. Perspectives on a Hit Television Show. London/New York 2009.

Spiegel, Simon: «Das große Genre-Mysterium: Das Mystery-Genre». In: Zeitschrift für Fantastikforschung. Jg. 4.1, Nr. 7, 2014, 2–26.

Spiegel, Simon: «The Big Genre Mystery: The Mystery Genre». In: Beil, Benjamin et al. (Hg.): LOST in Media. Berlin 2014 [im Druck].

Anmerkungen:

  1. Ein Mitschnitt des – englischen – Vortrags findet sich hier.
  2. An der Tagung hielt unter anderem Roberta Pearson, die den ersten wissenschaftlichen Sammelband zu Lost herausgegeben hat, eine Keynote. Es war für mich einigermassen beruhigend zu hören, dass selbst Pearson die letzte Staffel nicht zu Ende geschaut hat, da ihr die Serie mittlerweile zu sehr auf die Nerven ging.