In fremden Gefilden

BuchcoverMit Fantasy habe ich eigentlich wenig am Hut. Lord of the Rings habe ich vor Jahren gelesen, ohne dass es grossen Eindruck auf mich gemacht hätte, Harry Potter hat mich nach dem dritten Band nicht mehr sonderlich interessiert, und die neueren Fantasy-Blockbuster schaue ich mir – wenn überhaupt – eher aus Pflichtgefühl, denn aus genuinem Interesse an. Eine grosse Ausnahme bildet aber die Fernsehserie Game of Thrones, die mich restlos begeistert (ok, nicht völlig restlos. Staffel 5 und 6 konnten nicht ganz an die vorangegangenen Höhepunkte anschliessen).

Deshalb habe ich auch nicht lange gezögert, als mich Markus May letztes Jahr anfragte, an der von ihm organisierten Tagung zu Game of Thrones resp. zu Songs of Ice and Fire teilzunehmen (ich habe hier schon früher geschrieben). Nun ist, ungewöhnlich schnell und quasi passend zum Fernsehinterview, das ich kürzlich gegeben habe, der Tagungsband erschienen. Ich bin darin mit einem Artikel zur erzählerischen Funktion der Sexszenen in GoT vertreten.  Dazu ein Zitat aus der Einleitung:

Simon Spiegel untersucht in »›Everything in the world is about sex, except sex. Sex is about power.‹ Die Funktion der Sexpositions in GOT« die sowohl für Fern-sehverhältnisse wie auch die filmische Fantasy ungewohnt expliziten Sexszenen von GOT anhand des von Myles McNutt geprägten, in der Diskussion von GOT inzwischen etablierten Begriffs der Sexposition. Spiegel lokalisiert den Begriff im Rahmen des Quality TV-Diskurses, nutzt ihn für eine detaillierte Analyse der Sexszenen von GOT und zeigt, dass deren Funktion in der Serie die Sexposition als voyeuristische Informationsquelle weit überschreitet.

Wenn in «Game of Thrones» die Hüllen fallen, werden meist Machtfragen verhandelt.

Wenn in Game of Thrones die Hüllen fallen, werden meist Machtfragen verhandelt.

Update: Der Artikel ist mittlerweile online verfügbar.

 

Markus May / Michael Baumann / Robert Baumgartner / Tobias Eder (Hg.): Die Welt von »Game of Thrones«. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf George R.R. Martins »A Song of Ice and Fire«. Transcript: Bielefeld 2015
400 Seiten, ISBN 978-3837637007, 29,99.– €.

Erhältlich bei Amazon.

Inhaltsverzeichnis und Einleitung.

 

Fernsehauftritt

Bei der Emmy-Verleihung vergangenen Sonntag hat Game of Thrones mal wieder abgeräumt; die Serie bringt es mittlerweile auf 38 Emmys, was in anscheinend einen Rekord in der Geschichte des Fernsehen darstellt. Für die Nachrichtensendung 10vor10 war der Preissegen Anlass für einen kurzen Nachrichtenbeitrag, bei dem auch meine Wenigkeit zu Wort kommen durfte (allerdings in unserer Schweizer Geheimsprache).

Sonja Schmid: Im Netz der Filmgenres

Erschienen im Quarber Merkur 116.

Genres sind seltsame Gebilde. Als Kinogänger oder Leser verknüpfen wir Erwartungen mit ihnen, die von den jeweiligen Werken in der Regel auch erfüllt werden. Genres sind somit sowohl für die Produktion als auch die Rezeption von fundamentaler Bedeutung, was eigentlich nahelegen würde, dass dem Konzept auch in der Wissenschaft eine zentrale Funktion zukommen müsste.

In der Realität ist die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Genres aber von einem eigenartigen Widerspruch geprägt. Auf der einen Seite gibt es die Genretheorie, die versucht, dem Phänomen auf konzeptioneller Ebene gerecht zu werden. Grundlegende Frage ist hier, was Genres eigentlich sind resp. wie sie sich historisch konstituieren. Obwohl die Schwerpunkte in Film- und Literaturwissenschaft nicht deckungsgleich sind, hat sich mittlerweile beiderorts die Erkenntnis durchgesetzt, dass Genres nicht als abstrakte Entitäten existieren, sondern im Gebrauch entstehen und sich verändern. Genres sind nicht objektiv in ein Werk eingeschrieben, sondern diskursive Begriffe, welche von ihren »Nutzern« geprägt werden. Je nach Benutzergruppe können sich Genrebezeichnungen und -konzeptionen deshalb stark unterscheiden. Ein Kinogänger der 1930er Jahre hatte andere Erwartungen an einen Western als ein zeitgenössischer Zuschauer, und während ein SF-Fan mit dem Begriff »Steampunk« bestimmte Motive und Plot-Elemente assoziiert, dürfte sich ein in der SF nicht bewanderter Leser gar nichts darunter vorstellen.

John Wayne in Stagecoach

Was ist ein typischer Western? John Wayne in John Fords Stagecoach (1939).

Insbesondere in der Filmtheorie ist man deshalb schon seit Längerem von der Vorstellung abgerückt, Genres ließen sich in irgendeiner Weise als abstraktes, in sich logisches System modellieren. Genretheoretiker wie Rick Altman oder Steve Neale verstehen Genres vielmehr als pragmatische und multidiskursive Begriffe, die nur im konkreten Gebrauch sinnvoll analysiert werden können. Das bedeutet auch, dass sich die Wissenschaft nicht auf die (film)textliche Untersuchung einzelner Werke beschränken kann, sondern ebenso den Entstehungs- und Rezeptionskontext in Betracht ziehen muss. Vor welchem Hintergrund entsteht ein Werk, wie wird es vermarktet und rezipiert, inwieweit reagiert es auf bereits bestehende Werke und provoziert seinerseits– Stichwort Intertextualität – Reaktionen etc.? Genretheorie wird somit zur Genregeschichte.

Eine derartige Genreanalyse ist nicht nur äußerst aufwändig, sondern auch zwangsläufig begrenzt und stets nur vorläufig. Dies mag erklären, warum sich die Erkenntnisse der Genretheorie bislang kaum in der »praktischen« wissenschaftlichen Arbeit niedergeschlagen haben. Zwar hat die Theorie hoch elaborierte Modelle zur Beschreibung ihres Gegenstands entwickelt, die meisten Genrestudien scheren sich darum aber keinen Deut. Stattdessen werden Genres vielerorts nach wie vor als textlich fixierbare Gebilde betrachtet, und Genregeschichte nimmt nicht selten die Form einer teleologischen Erzählung an, in deren Verlauf sich ein Genre von seiner Rohform hin zum Meisterwerk verfeinert, um dann anschließend zu degenerieren. Untersuchungen, welche die Erkenntnisse der Theorie ernst nehmen und Genres in ihrer ganzen Vielschichtigkeit beschreiben, sind nach wie vor rar.

Sonja Schmids Studie Im Netz der Filmgenres erscheint da als erfreuliche Ausnahme. Das Buch, das auf Schmids Dissertation an der Universität Bayreuth zurückgeht, versteht sich explizit als »Plädoyer für eine vernetzte Genregeschichtsschreibung« und begreift Genres als »intertextuelle Schaltstellen« (13). Anhand von Peter Jacksons The-Lord-of the-Rings-Trilogie (NZ/USA 2001–2003) und deren Bedeutung für die Fantasy will Schmid »die vielfältigen Prozesse und Dynamiken aufzeigen, die sowohl auf diachroner wie synchroner Ebene zu der Entstehung des […] Werks beigetragen haben und damit maßgeblich auch die Weiterentwicklung des Fantasy-Genres als solches beeinflusst haben« (16).

Cover Im Netz der Filmgenres

Der Ansatz ist somit klar und lobenswert, die Umsetzung kann allerdings nicht vollständig überzeugen. An Schmids Studie lässt sich ein Phänomen beobachten, das für Dissertationen – insbesondere für deutschsprachige – typisch ist: Ein massiver Theorieüberhang. Das liegt zum einen daran, dass die deutschsprachigen Geisteswissenschaften traditionell mehr an Theorie und Systematisierung interessiert sind als die angelsächsischen. Es hängt aber auch mit der besonderen Textform Dissertation zusammen. Eine Dissertation ist typischerweise die erste wissenschaftliche Arbeit, in die man sich als angehender Akademiker so richtig vergräbt. Es ist ganz natürlich, dass man all die Zeit, die man mit Recherchen verbracht hat, am Ende in textlicher Form sichtbar machen will. Zugleich gehört es zu den Spielregeln einer Dissertation, dass man fortlaufend unter Beweis stellt, wie gut man sein Gebiet kennt. Es ist eine große Herausforderung, genug Abstand von seinem Gegenstand zu gewinnen, um abzuschätzen, was für einen potenziellen Leser tatsächlich relevant sein könnte. Oft glückt dies nicht ganz, weshalb viele Dissertationen mit einem überlangen Theorieteil aufwarten, in dem ausführlich Detailfragen diskutiert werden, die für die eigentliche Untersuchung kaum Relevanz besitzen.

Im Netz der Filmgenres ist hierfür exemplarisch: Von den knapp 250 Seiten Text entfallen rund hundert auf eine Diskussion des Genrekonzepts und dem als New Film History bezeichneten Ansatz der Geschichtsschreibung, dem Schmid folgt. Es gibt hier auch einige inhaltliche Schnitzer – so behauptet Schmid, Tzvetan Todorov verlagere in seiner Phantastiktheorie die »Genrefrage in den Rezipienten« (24), was schlicht falsch ist. Auch Schmids Gebrauch des Begriffs ›Prototypenmodell‹ ist ungewohnt; normalerweise wird damit ein aus der kognitiven Psychologie resp. Linguistik stammendes Konzept bezeichnet. Unter Prototyp wird dabei ein mentales Konstrukt verstanden, das einen typischen Vertreter einer bestimmten Kategorie darstellt. Schmid meint mit Prototypenmodell dagegen einen an Northrop Frye angelehntes Archetypen-Ansatz. Zwar macht sie auf den Bedeutungsunterschied aufmerksam (27, Anm. 37), im Kontext der Genretheorie ist diese Nomenklatur aber ungewohnt. Im Großen und Ganzen sind Schmids Ausführungen allerdings korrekt und gut nachvollziehbar, sie fallen einfach viel zu umfangreich aus, denn worauf die Autorin hinauswill, ist eigentlich von Beginn an klar,

Schmid kennt ihren Gegenstand und die relevante Fachliteratur, ihre Stärke liegt aber nicht darin, das Gelesene zu synthetisieren. Dies ändert sich auch im dritten Teil nicht, in dem sie schließlich auf das Fantasy-Genre zu sprechen kommt. Inhaltlich gibt es hier ebenfalls Unstimmigkeiten, etwa die Aussage, der Phantastik-Forscher Uwe Durst beschäftige sich primär mit Fantasy (140, Anm. 406), oder die Behauptung, der Begriff »Fantasy« habe sich erst in den 1980er Jahren im Zusammenhang mit Filmen wie Excalibur (John Boorman. USA 1981) und Time Bandits (Terry Gilliam. GB 1981) durchgesetzt (119). Für Stirnrunzeln sorgt auch eine Fußnote zum Merchandising von Star Wars. Nach Schmid hat das Franchise über diesen Vermarktungskanal 20 Millionen Dollar eingebracht (184, Anm. 545), obwohl selbst die von ihr angeführte Quelle von mehr als 22 Milliarden Dollar spricht. Trotz solcher offensichtlicher Flüchtigkeitsfehler ist aber das eigentliche Problem, dass die Autorin fast nur Bestehendes referiert.

John Boormans Excalibur

John Boormans Excalibur – hat dieser Film wirklich den Begriff ‹Fantasy› populär gemacht?

Nach gut 170 Seiten Vorarbeit kommt das Buch dann endlich bei der Hauptsache an, bei Peter Jacksons Trilogie. Im Folgenden wird ein ganzer Katalog von relevanten Perspektiven durchgearbeitet: Lord of the Rings als typischer Vertreter des Fantasy-Genres, technische, wirtschaftliche und sozio-historische Aspekte sowie intertextuelle und intermediale Bezüge. Schmids Ausführungen zum Realitätseindruck von Lord of the Rings, der Figurengestaltung und dem Marketing ist grundsätzlich zuzustimmen, aber irgendwie wird nie recht ersichtlich, wozu der ganze vorangegangene theoretische Aufwand nötig war. Schmid betont zurecht, dass »es eines Blickes auf die vielfältigen Diskurse, die an der Produktion des Werkes beteiligt sind« (254) bedarf, um dieses adäquat in der Geschichte des Genres einzuordnen. Aber obwohl immer wieder von Netzwerken und Querbezügen die Rede ist, bleibt das Vorgehen weitgehend additiv.

Das Kapitel »The The Lord of the Rings im multidiskursiven Netzwerk der generic user[sic!]«, das eigentlich das Zentrum der Untersuchung bilden müsste, fällt inhaltlich besonders schwach aus. Auf die empirische Fanforschung, die just in diesem Bereich einiges zu bieten hätte, nimmt Schmid kaum Bezug. Die Ausführungen zu CGI und wirtschaftlichen Aspekten wiederum sind oberflächlich, der Abschnitt zu NS-Bezügen geradezu hanebüchen; Schmid verquickt hier die Interpretation von Tolkiens Trilogie als Allegorie auf den Zweiten Weltkrieg – eine Leseweise, gegen die sich der Autor stets gewehrt hat – mit der Frage, inwieweit Jackson sich an die Ikonographie von NS-Propagandafilmen anlehnt. Zwei Dinge, die überhaupt nichts miteinander zu tun haben.

Obwohl das als Hardcover erschienene Buch auf den ersten Blick ansprechend daherkommt, entpuppt es sich bei genauerer Lektüre als eher unsorgfältig gemacht. Es wimmelt von kleineren bis mittleren typographischen, sprachlichen und inhaltlichen Fehlern. Besonders auffallend ist eine seltsam verzerrte Zeitwahrnehmung der Autorin: So wird Robin Woods 1979 erschienene Essaysammlung American Nightmare zitiert, um »jüngere Tendenzen im Horrorgenre« (202, Anm. 592) zu charakterisieren, obwohl zwischen den Filmen, die Wood beschreibt, und Jacksons Trilogie gut 30 Jahre liegen. Dazu passt, dass Schmid die Ära des New Hollywood, deren Beginn normalerweise Ende der 1960er Jahre angesetzt wird, in die 1990er Jahre verlagert. Die Einschätzung, Jacksons Glück sei gewesen, dass die CGI-Technologie »eben erst« (217) ihren Durchbruch erlebt habe – nämlich mit Jurassic Park (Steven Spielberg. USA 1993) –, zeugt ebenfalls von einem seltsamen Zeitverständnis, liegen zwischen den beiden Filmen doch fast zehn Jahre.

All diese Fehler wären zu verschmerzen, würde Schmid mit genuin interessanten Einsichten aufwarten. Insgesamt überwiegt aber der Eindruck »viel Aufwand, wenig Ertrag«. Als Beispiel für die Fruchtbarkeit eines modernen genretheoretischen Ansatzes taugt Im Netz der Filmgenres somit nur begrenzt.

Schmid, Sonja: Im Netz der Filmgenres. The Lord of the Rings und die Geschichtsschreibung des Fantasygenres. Tectum-Verlag: Marburg 2014, 294 Seiten, Hardcover, 29,95€. Bei Amazon erhältlich.

Von (Blut-)Burgen und Türmen

Den vorläufigen Abschluss meiner diesjährigen Konferenzen-Tournee bildete letzte Woche die Tagung Winter is Coming, die sich, wie es im Untertitel hiess, kultur­wissenschaft­lichen Perspektiven auf George R.R. Martins A Song of Ice and Fire resp. der Fernsehserie Game of Thrones widmete. Für mich ein ziemlich ungewohntes Gebiet, da ich mit Fantasy normalerweise nichts am Hut habe und von Martin bislang noch keine einzige Zeile gelesen habe. Da ich aber ein begeisterter Zuschauer der Fernsehserie bin und vor allem weil mich Markus May, PD für Neue Literatur an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Spiritus Rector der Veranstaltung, explizit dazu aufgefordert hat, habe ich dennoch einen Beitrag beigesteuert.

Die Tagung fand im Münchner Schloss Blutenburg in sehr stimmungsvollem Ambiente statt. Ich konnte zwar nicht die ganze Zeit vor Ort sein, bekam aber dennoch einiges des dichten Programms mit. In meinem eigenen Vortrag sprach ich über die narrative Funktion der Sexszenen, der so genannten Sexpositions, in GoT. 1

winteris_ngplakat_lIch möchte an dieser Stelle nicht gross auf die Tagung selbst eingehen (Interessierte finden auf der Website von Felix Schröter eine ausführliche Zusammenfassung der Veranstaltung), sondern einen anderen Aspekt ansprechen. Gemessen an anderen wissenschaftlichen Veranstaltungen erzeugte die Tagung ein relativ grosses mediales Echo. So berichtete die Süddeutsche Zeitung  zweimal – einmal vorab, und einmal im Anschluss an die Tagung. Während der erste Artikel sehr freundlich gehalten ist, enthält der zweite einige Spitzen. Schon der Titel „Drachen und Zombies – streng wissenschaftlich“ hat einen maliziös-ironischen Unterton, und im Text selbst klingt immer wieder an, dass hier im Grunde nur Fans darum bemüht sind, ihr (kindisches) Tun wissenschaftlich zu verbrämen.

Unter den Tagungsteilnehmern hatte es wohl auch den einen oder anderen Fan, und nicht zuletzt Dank des ersten Artikels wies die Tagung einige „Laufkundschaft“ auf; eine Besucherin erklärte sogar, dass sie sich, nachdem sie sich nach der Lektüre gleich zum Bahnhof aufgemacht habe, um nach Schloss Blutenberg zu fahren. Auch bei meinem Vortrag, der im letzten Panel platziert war, fielen mir die teilweise sehr jungen Zuhörer auf, die sich bei der anschliessenden Diskussion keineswegs mit Kommentaren zurückhielten.

Gerade Letzteres ist eigentlich sehr begrüssenswert. Der gängige Vorwurf an die Geisteswissenschaften lautet ja, dass wir uns zurückgezogen im Elfenbeinturm mit esoterischen Dingen beschäftigen, für die sich kein normaler Mensch interessiert. Eine Tagung, die sich ausdrücklich mit einem populären Phänomen beschäftigt – und von der breiteren Öffentlichkeit wahrgenommen wird –, müsste da als etwas Positives erscheinen.

Im Grunde rechtfertigt ja bereits das Riesenecho, das GoT weltweit auslöst, die wissenschaftliche Rechtfertigung mit der Serie und den Romanen. Wenn man sich nicht mit einer der derzeit populärsten Formen von Unterhaltung beschäftigen darf, womit denn sonst? Zudem ist die Serie – und anscheined auch die Romane – handwerklich unglaublich gut gemacht. Aus filmwissenschaftlicher Sicht gibt es hier mehr als genug interessanten Stoff. Irgendwie scheint es mancherorts aber dennoch Vorbehalte gegenüber solchen Unternehmen zu geben. Zumindest lässt Nicolas Freund in seinem Artikel immer wieder anklingen, dass es mit der wissenschaftlichen Relevanz nicht so weit her ist – nicht so weit her sein kann.

Bei derartigem Dünkel kommen wohl verschiedene Faktoren zusammen. Eine grosse Rolle spielt zweifellos die Tatsache, dass wir es hier mit Fantasy zu tun haben, einem Genre, das nach wie vor nicht richtig ernst genommen wird. Fantasy, so das gängige Vorurteil, ist was für Teenager. Hinzu kommen gängige Fan-Klischees: Schräge Vögel, die in Fantasie-Welten flüchten und dabei allerhand kindischem Treiben wie Karten-Zeichnen, Verkleiden, Sammeln von Figuren etc. nachgehen. Dass das nichts mit seriöser Wissenschaft zu tun haben kann, versteht sich von selbst. Die Tatsache, dass eine Schwertkampf-Demonstration (die ich leider verpasst habe) Teil des Veranstaltungsprogramms war, scheint diese Einschätzung nur zu bestätigen.

Nun bin ich zwar alles andere als ein Liebhaber von Fantasy (und stehe diversen Fan-Aktivitäten eher ratlos gegenüber), eine ähnliche Haltung ist aber auch mir schon oft begegnet. Wenn ich erwähne, dass ich mich wissenschaftlich mit SF beschäftige, kriege ich oft etwas à la „Science Fiction interessiert mich nicht, die finde ich doof.“ zu hören. Nun ist es freilich vollkommen legitim, dass sich jemand nicht für SF oder Fantasy interessiert. Ich bin aber ziemlich sicher, dass mein Gegenüber nichts Derartiges sagen würde, wenn ich zur Barock-Lyrik, zum Werk Adalbert Stifers oder zum frühen Film forschen würde (wenn ich von Utopien spreche, fallen die Reaktionen bereits ganz anders aus). Die Chance, dass mein Gesprächspartner ein besonderes Flair für Barock-Lyrik hat (resp. sich überhaupt etwas unter diesem Begriff vorstellen kann), ist zwar klein, seine Reaktion wäre in diesem Fall aber wahrscheinlich bloss ein mehr oder weniger respektvolles Schweigen.

Es scheint gerade die Bekanntheit und vermeintliche Vertrautheit des Themas zu sein, die es in den Augen mancher als Gegenstand wissenschaftlicher untauglich erscheinen lassen. Oder vielmehr: Obwohl – oder vielleicht auch gerade weil – sich weitaus weniger Menschen für Barock-Lyrik interessieren als für GoT, hat Erstere dennoch  den Nimbus der Respektabilität. Populäre Formen wie SF oder Fantasy sind dagegen Kinderkram und taugen somit nicht für seriöse Wissenschaft

Paradoxerweise scheinen die vermeintlich elitären Elfenbeintürmer an den Hochschulen offener für Populärkultur als das Zeitungsfeuilleton. Denn dass auch Mainstream-Erzeugnisse für wissenschaftliche Analyse ertragreich sein können, dürfte sich inzwischen auch am letzten Germanistik-Seminar rumgesprochen haben. Zwar wird unter Phantastikforschern noch immer gerne gejammert, wie schwer man es mit diesem Spezialgebiet im Uni-Bereich habe, meine Erfahrungen sind diesbezüglich allerdings anders (wobei es hier wohl Unterschiede zwischen Literatur- und Filmwissenschaft gibt). Im akademischen Bereich erlebe ich kaum, dass man meine Themen nicht ernst nimmt; in aller Regel sind es just Nicht-Geisteswissenschaftler, die irritiert reagieren. Fast scheint es, als wäre es manchem lieber, wenn wir bei unseren obskuren Problemen im Elfenbeinturm bleiben würden.

Update: Der Sammelband zu Tagung ist mittlerweile erschienen, Details dazu hier. Mein Beitrag zur erzählerischen Funktion der Sexpositions in GoT ist zudem online verfügbar.

Anmerkungen:

  1. Die Slides meines Vortrags sind online. Insbesondere der zweite Teil ist ohne Kommentar allerdings nicht sonderlich aufschlussreich.