Die Zukunft mit der Maus – Walt Disneys EPCOT

Der Name «Walt Disney» ist für die meisten gleichbedeutend mit Animationsfilm. Weitgehend vergessen ist dagegen seine Rolle als futuristischer Visionär. Der folgende Artikel, der in der Ausgabe 5/2016 der Zeitschrift Vintage Times erschienen ist, ergänzt meine früheren Überlegungen zum Disney-Film Tomorrowland.

Seinen letzten Film drehte Walt Disney im Oktober 1966, knapp zwei Monate vor seinem Tod. Hauptdarsteller: er selbst. Thema: die Stadt der Zukunft. Für alle, die mit dem Namen Walt Disney primär familientaugliche Unterhaltung assoziieren, dürfte der knapp 25-minütige Promotionsfilm eine echte Überraschung darstellen. Denn was der Herr der Mäuse hier präsentiert, hat weder mit putzigen Nagern oder Prinzessinnen noch mit Themenparks zu tun. Zwar spricht Disney über sein neuestes und bislang grösstes Projekt Disney World, für einmal geht es aber nicht um Zauberschlösser, Achterbahnen und Merchandising. Herz der geplanten Anlage soll vielmehr eine technische Musterstadt der Zukunft sein. Eine «Experimental Prototype City of Tomorrow», kurz EPCOT.

Mit EPCOT wollte Disney einen Beitrag zu dem in seinen Augen drängendsten Problem der Gegenwart leisten, der Stadtplanung. In den 1960er Jahren litten Grossstädte wie New York oder Los Angeles unter Verkehr, Kriminalität und sozialen Unruhen, und Disney war überzeugt, dass er dazu berufen war, hier segensreich zu wirken. Schliesslich hatte er mit Disney Land schon einmal vorgemacht, wie man erfolgreich eine Idealstadt betreibt.

EPCOT-Modell

Das Herz von EPCOT im Modell.

Ein mittelmässiger Zeichner

So vermessen Disneys Anspruch erscheinen mag, im Grunde war EPCOT der logische Schlusspunkt vieler Projekte und Initiativen, die der umtriebige Studioboss im Laufe seines Lebens lanciert hatte. Schon früh war Disney nicht nur ein Animator. Tatsächlich war der 1901 geboren Trickfilmpionier ein eher mittelmässiger Zeichner, was in späten Jahren zu peinlichen Momenten führte, wenn er etwa auf Wunsch eines kleinen Fans seine berühmte Maus zu Papier bringen sollte und nur eine krakelige Karikatur zustande brachte. Disney war aber ein begnadeter Organisator, der es nicht nur verstand, Talente zu entdecken und an sich zu binden, sondern der auch bereit war, grosse unternehmerische Risiken einzugehen. Technische Neuerungen spielten dabei eine wesentliche Rolle. Disney sah nicht nur sehr früh, welche Möglichkeiten der Ton dem Animationsfilm eröffnete. Als die Firma Technicolor 1932 ihr neues Dreifarben-Verfahren präsentierte, war er davon derart begeistert, dass er den in der Produktion bereits weit fortgeschrittenen Kurzfilm «Flowersand Trees» komplett neu als Farbfilm konzipieren liess und einen über drei Jahre laufenden Exklusivvertrag mit Technicolor abschloss.

Seine Interessen beschränkten sich bald nicht nur auf die Filmbranche. Das 1955 im kalifornischen Anaheim eröffnete Disneyland gab eine erste Kostprobe davon, was Disney jenseits der Leinwand alles vorhatte. Mochten bei der Eröffnung auch gut die Hälfte der Attraktionen noch nicht funktionieren, so fungierten der Themenpark und das Disney-Fernsehprogramm gleichen Namens für Walt dennoch als eine Art Trainingscamp für die Zukunft. In den Fernsehsendungen, in denen der eigentlich kamerascheue Patron als Host auftrat, erklärte er mittels Zeichentrickeinschüben und mit fachkundiger Unterstützung von Experten wie dem deutschen Raketenpionier Wernher von Braun die Möglichkeiten und Risiken der Raumfahrt oder warb – in einer Episode mit dem neckischen Titel «Our Friend the Atom» – für die Nutzung der Atomenergie. Und das eigentliche Prunkstück von Disneyland war die Sektion Tomorrowland, welche die Welt im Jahre 1968 zeigte und in der man im TWA Moonliner einen Mondflug miterleben und im Autopia-Ride einen Vorgeschmack auf das im Entstehen begriffene Fernstrassennetz erhaschen konnte.

EPCOT-Stadtplan

Walt Disney vor einem Stadtplan von EPCOT.

«A Great Big Beautiful Tomorrow»

Disney sah in diesen Attraktionen mehr als reine Amüsements. Für ihn stand ausser Frage, dass Wissenschaft und Technik der Menschheit eine glänzende Zukunft bescheren würden. Wenig überraschend war er auch ein begeisterter Befürworter von Weltausstellungen, die traditionell als technische Leistungsschau konzipiert waren. Zur World’s Fair von 1964 in New York steuerten seine «Imagineers» nicht weniger als vier Attraktionen bei, von denen drei später ihre permanente Bleibe in einem der Disney-Themenparks finden sollten. Disneys persönlicher Favorit, von dem er nach eigener Aussage wünschte, dass er nie seinen Betrieb einstellen sollte, war das Carousel of Progress, in dem Roboter-Puppen als amerikanische Durchschnittsfamilie agierten und über mehrere Stationen hinweg den technischen Fortschritt zelebrierten. Schwärmt der Familienvater zu Beginn des Jahrhunderts noch von Gaslampen und einer handbetriebenen Wäschemangel, kommen später ein Radio, elektrisches Licht und schliesslich ein automatischer Geschirrspüler sowie ein Fernsehgerät hinzu. Unterlegt ist diese Erfolgsgeschichte von einem nervtötend fröhlichen Song der Oscar-gekrönten Sherman Brothers mit dem viel sagenden Titel «There’s a Great Big Beautiful Tomorrow».

Das Carousel of Progress, das heute in Walt Disney World noch immer in Betrieb ist, wurde mehreren Revisionen unterzogen. In der letzten, 1993 konzipierten Episode sieht man nun eine Familie im Jahr 2000 bei ihrer Weihnachtsfeier. Während der Hausherr mit dem auf Sprachkommandos reagierenden Ofen kämpft, versucht sich die Grossmutter am neuesten Virtual-Reality-Game. Obwohl man mit solchen Aktualisierungen auf der Höhe der Zeit bleiben will, wirkt die ganze Anlage auf eine unangenehme Weise altmodisch. Das liegt nicht an den Robotern, die eher einen retrofuturistischen Charme versprühen, sondern an der stockkonservativen Gesinnung, welche die gesamte Inszenierung durchdringt. Dass die Oma ihren Neffen im Computergame schlägt, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Welt von Disney auch im 21. Jahrhundert noch die der weissen Mittelklasse ist, einer «All American Family», die es so wohl auch zu Walts Zeiten nicht gab und die mit der gesellschaftlichen Realität der Gegenwart definitiv nichts mehr zu tun hat.

Carousel of Progress

Der Hund darf in der „All American Family“ des Carousel of Progress nicht fehlen.

Die Planstadt als Labor der Zukunft

Fortschritt bedeutete für Walt Disney nie gesellschaftliche Progressivität; vielmehr verschmelzen bei ihm technische Innovation und soziale Rückwärtsgewandtheit auf eigentümliche Weise. Dies zeigt sich auch in seiner Konzeption von EPCOT, das mehr werden sollte als ein blosser Themenpark. EPCOT war nicht als Jahrmarktsattraktion gedacht, sondern als echte Stadt, in der 20’000 Menschen wohnen und arbeiten und auf diese Weise die Zukunft quasi vorleben sollten. Mit Unterstützung der gesamten amerikanischen Industrie wollte Disney ein lebendiges Stadtlaboratorium mit Wohn-, Arbeits- und Konsumbezirken, unterirdischen Highways und einem ausgeklügelten öffentlichen Verkehrssystem aus dem Boden stampfen.

Frappant an dem Projekt ist nicht nur der unbedingte Glaube an technische Lösungen, sondern auch die völlige Absenz von Politik. Stadtplanung ist in EPCOT ausschliesslich eine Aufgabe für Ingenieure; soziale Probleme werden, soweit sie überhaupt registriert werden, auf technische Probleme reduziert. Klassenunterschiede, gesellschaftliche Entwicklungen oder Fragen der politischen Organisation sind für diese Stadt der Zukunft nicht weiter relevant.

EPCOT war von Walt Disney als sein Vermächtnis gedacht, als Geschenk an die Menschheit, dem er sich am Ende seines Lebens voll und ganz widmete. Selbst als er sich einen Monat vor seinem Tod einer schweren Lungenoperation unterzog, werkelte er noch im Spitalbett an seiner Vision. Ohne die Begeisterung ihres geistigen Vaters wurden die Ambitionen für die Zukunftsstadt dann aber schnell zurückgefahren. Als Walts Bruder Roy Walt Disney World 1971 eröffnete, war von EPCOT nichts zu sehen. 1982 wurde schliesslich doch noch ein Vergnügungspark namens EPCOT auf dem Gelände von Walt Disney World in Betrieb genommen. Im EPCOT von heute geht es auch irgendwie um Wissenschaft und Technik, von der ursprünglichen Idee einer funktionierenden Zukunftsstadt ist aber nichts übrig geblieben.

Utopia (Neuübersetzung von Michael Siefener)

Erschienen im Quarber Merkur 116.

Dass ein Buch auch 500 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung noch gelesen wird, kommt selten genug vor. Der spätere Lordkanzler und Märtyrer Thomas Morus muss also etwas richtig gemacht haben, als er seine Utopia schrieb. 1516 erstmals in lateinischer Sprache erschienen, hat das Buch ein ganzes Genre begründet und wird auch heute noch eifrig diskutiert. Das Feuilleton spricht seit geraumer Zeit vom vermeintlichen Ende resp. der Wiederentdeckung der Utopie und in der Wissenschaft ist die Gattung so populär wie kaum je zuvor. Warum also nicht den Urtext, das Werk, mit dem alles begann, in neuer Übersetzung herausbringen?

UtopiaJa, warum eigentlich nicht? Ein Argument, das gegen ein solches Unterfangen sprechen würde, wäre, dass an zuverlässigen deutschen Übersetzungen eigentlich kein Mangel herrscht. Mehr als ein halbes Dutzend verschiedene Übertragungen sind derzeit lieferbar, weitere sind frei im Netz erhältlich; die wohl populärste, jene von Klaus J. Heinisch in seinem Sammelband Der utopische Staat, hat schon über 25 Auflagen hinter sich.

Die Fassung von Michael Siefener, der Phantastik-Interessierten sowohl als Übersetzer wie auch als Autor bekannt sein dürfte, schafft den Spagat zwischen zeitgemäßer Sprache und dem altertümlichen Duktus des Originals recht gut und liest sich insgesamt etwas flüssiger als die nicht mehr ganz taufrische Heinisch-Fassung; allerdings ist die Wortwahl stellenweise etwas zu modern ausgefallen. Beispielsweise übersetzt Siefener eine Passage, in der es darum geht, dass die weisen Ratschläge eines Philosophen bei Hofe kaum geschätzt würden, folgendermaßen: »Was könnten solche seltsamen Informationen nützen, und wie könnte man sie denjenigen einbläuen, die bereits vom Gegenteil überzeugt sind?« (65). Ganz abgesehen davon, dass man Informationen eigentlich nicht einbläuen kann, scheint die Wortwahl hier weder inhaltlich noch stilistisch wirklich treffend. Heinisch übersetzt das lateinische »sermo tam insolens« schlicht mit »so ungewohnte Worte«, in englischen Übersetzungen ist auch das spezifischere »totally unfamiliar line of thought« oder »alien line of argument« zu lesen, was in diesem Kontext passender scheint.

In einer Vorbemerkung weist Siefener darauf hin, dass ihm als primäre Vorlage nicht das lateinische Original diente, sondern die erste englische Übersetzung von Ralph Robinson aus dem Jahre 1551 resp. 1556. Bei Puristen dürft dies ebenso ein Naserümpfen provozieren wie die Anmerkung, dass der Übersetzer im Zweifelsfall auf die Erstausgabe von 1516 zurückgriff. Von dieser ist bekannt, dass sie zahlreiche Druckfehler enthielt, als Referenzausgabe gilt heute allgemein die dritte Auflage vom März 1518. Nun ist die Publikation des Marix-Verlags kaum für ein wissenschaftliches Publikum gedacht, entsprechend könnte man solche Feinheiten ignorieren. Was angesichts des wohl intendierten Publikums aber umso mehr irritiert, ist der vollständige Verzicht auf Begleitmaterial.

Thomas Morus.

Thomas Morus.

Die Utopia ist ein äußerst komplexes Werk. Morus hat es für einen kleinen Kreis von Humanisten, also für die intellektuelle Elite seiner Zeit, geschrieben, und so ist es nicht weiter erstaunlich, dass heutige Leser ohne entsprechende Hilfe ihre eigentliche Bedeutung kaum erfassen dürften. Denn entgegen dem, was landläufig unter ›Utopie‹ verstanden wird, entwirft der Autor keineswegs seinen persönlichen Idealstaat. Die auf der sagenhaften Insel Utopia herrschende Staatsordnung ist vielmehr ein Gegenbild zur als negativ empfundenen Gegenwart. Dieses Gegenbild hat stellenweise durchaus Vorbildcharakter, kippt aber oft auch ins satirische Gegenteil um. Um das zu erkennen, wäre aber irgendeine Form von Einführung nötig. Es muss ja kein historisch-kritischer Apparat sein, aber einen Kommentar, einen biographischen Abriss, ein Glossar oder zumindest Hinweise auf Sekundärliteratur würde man bei einem solchen Werk normalerweise schon erwarten. Die mit weniger als zwei Seiten sehr knapp ausgefallene »Vorbemerkung des Übersetzers« reicht auf jeden Fall nicht als Heranführung an den Text.

Utopia ist gespickt mit Wortspielen, manche hat Siefener im Text in Klammern aufgelöst, »dort, wo die Wissenschaft über die Bedeutung noch heute streitet, wurde sie weggelassen« (8). Dieses Vorgehen ist doch eher befremdlich und wird zudem nicht konsequent umgesetzt. Beispielsweise wird die Bedeutung der Namen ›Utopia‹ und ›Hythlodaeus‹ nirgends erklärt. Denn ›Utopia‹ kann sowohl als ›ou-topos‹ (Nicht-Ort) wie auch als ›eu-topos‹ (guter Ort) verstanden werden. Die Forschung ist sich weitgehend einig, dass diese Doppeldeutigkeit beabsichtigt ist. Ähnlich ambivalent ist der Name der Figur, die von der Insel Utopia berichtet: Hythloadaeus kann als ›Feind des Geschwätzes‹ oder aber als ›Possenreißer‹ übersetzt werden. Zwar ist sich die Forschung hier in der Tat uneins, ein entsprechender Hinweis wäre aber auf jeden Fall hilfreich.

Bedauerlich ist auch, dass die Begleittexte der ersten vier Ausgaben, die so genannten Parerga, komplett wegfallen, da diese »eher einen Rahmen um den Text bilden, als dass sie ihn erhellen würden« (8). Diese Einschätzung überrascht ebenfalls, denn die verschiedenen Briefe und Gedichte, die von befreundeten Humanisten stammen, sind durchaus erhellend. Sie zeigen nämlich deutlich, dass der von Morus intendierte Leserkreis dessen satirische Absicht sehr genau verstand. Indem er den erfundenen Raphael Hythlodaeus in einem Gespräch mit zwei Figuren namens Thomas Morus und Peter Giles in dessen Haus in Antwerpen von der Insel Utopia berichten lässt, betreibt der Autor ein kunstvolles Spiel mit Wirklichkeit und Täuschung. Im Gegensatz zu Hythlodaeus ist Giles eine reale Person, die in Antwerpen tatsächlich mit Morus zusammenkam. In ihren Briefen spielen Giles, Erasmus von Rotterdam und andere dieses Spiel munter weiter; sie loben den nicht realen Hythlodaeus, erkundigen sich nach der Lage der Insel Utopia und geben mit zahlreichen ironischen Wendungen zu verstehen, dass das Buch eben auch seine spielerische Seite hat.

Es muss fairerweise angefügt werden, dass Siefener hier einer leider gängigen Praxis folgt. Keine deutsche Fassung gibt die Parerga vollumfänglich wieder. Eine Neuübersetzung, welche diesen Missstand beheben würde, wäre in der Tat eine sinnvolle Sache gewesen. Ob es eine Fassung ohne Parerga braucht, die zudem auf jede Erläuterung verzichtet, ist dagegen eher zu bezweifeln.

Morus, Thomas: Utopia. Neu übersetzt von Michael Siefener. Marix Verlag. Wiesbaden 2013, 256 Seiten, gebunden. 10 €. Erhältlich bei Amazon.

Leif Randt: Planet Magnon

Erschienen im Quarber Merkur 116.

Das Überraschendste an Leif Randts Planet Magnon ist wohl die Tatsache, dass der Autor die Tradition der literarischen Utopie nach eigener Aussage bestenfalls flüchtig kennt. Das ist erstaunlich, denn Randts zweiter Roman erscheint über weite Strecken wie ein äußerst reflektiertes Spiel mit den Bausteinen der utopischen Tradition.

Schauplatz des Romans ist ein alternatives Sonnensystem, das von einem benevolenten Diktator, einer künstlichen Intelligenz namens ActualSanity, gesteuert wird. ActualSanity ist eine Art Super-Google der Zukunft, das die Daten aller Menschen erfasst und diese zu ihrem Wohle einsetzt. Politik, Wirtschaft und Städtebau werden durch ActualSanity kontrolliert, und das durchaus mit Erfolg: Armut, Krankheit und Kriminalität gehören ebenso weitgehend der Vergangenheit an wie die negativen Begleiterscheinungen des Alterns. Es herrschen durchaus utopische Zustände, wobei keineswegs immer klar ist, wo die künstliche Intelligenz überall ihre Finger mit im Spiel hat.

23899761Gut zwei Drittel der Bewohner dieses Sonnensystems sind in sogenannten »Populären Kollektiven« organisiert, deren Ideologien sich teilweise stark unterscheiden. Im Zentrum des Romans steht das Dolfin-Kollektiv, dem die Hauptfigur Marten Eliot angehört. Die Dolfins zeichnen sich durch eine Art post-postmoderner Coolness aus. Die Mitglieder des Kollektivs streben einen »postpragmatischen Schwebezustand« an, »in dem Rauscherfahrung und Nüchternheit, Selbst- und Fremdbeobachtung, Pflichterfüllung und Zerstreuung ihre scheinbare Widersprüchlichkeit« verlieren. Gefühle im traditionellen Verständnis sind keineswegs tabu, werden aber wie alles andere auch mit einem rational-kühlen Interesse betrachtet. Man könnte diesen Zustand abgeklärt-distanzierten Genießens vielleicht mit dem buddhistischen Konzept des Nirwanas vergleichen. Etwas prosaischer ausgedrückt ist das Ideal der Dolfins gar nicht so weit von dem entfernt, was in gewissen urbanen Szenen der westlichen Wohlstandswelt bereits gelebt wird. Es geht um einen Gestus des ironisch-heiteren Kennen-wir-schon, gewissermaßen um ein potenziertes Hipstertum.

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts macht die Gattung der Utopie eine Entwicklung durch, die der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Seeber als »Selbstkritik der Utopie« bezeichnet. Den Anfang machen dabei Dystopien wie Jewgenij Samjatins Wir (1921) oder George Orwells Nineteen-Eightyfour (1949), die den kollektiven Ansatz der klassischen Utopie in Frage stellen und stattdessen die Freiheit des Individuums in den Mittelpunkt rücken. Die nächste Stufe sind die so genannten »kritischen Utopien« der 1960er und 1970er Jahre. Romane wie Ursula K. Le Guins The Dispossessed (1974) oder Samuel R. Delanys Triton (1976) positionieren sich zwar ebenfalls kritisch zur klassischen Utopie, verzichten aber nicht vollständig auf den Entwurf positiver Alternativen. Mögen ihre Gegenentwürfe auch unvollständig und fehlerhaft sein – die utopische Hoffnung auf bessere Verhältnisse bleibt bestehen.

Planet Magnon erscheint wie der nächste oder vielleicht auch erst übernächste Schritt in diesem Evolutionsprozess. Randt erzählt von einer wohl temperierten Welt und der Frage, ob und wie intensiv der Mensch glücklich sein will respektive kann. Die Lebensqualität ist in seinem fiktionalen Kosmos so hoch, die Widerstände des Alltagsleben so gering, dass sich die Fragen, welche traditionell als Motor der Utopie wirkten – welches ist die beste Regierungsform, wie werden die Güter gerecht verteilt, wie kann Frieden und Eintracht sicher gestellt werden? –, gar nicht erst stellen. Wo aber kann die Utopie noch ansetzen, wenn alle materiellen Bedürfnisse befriedigt sind und sich die herkömmlichen ökonomischen und sozialen Spannungen in Wohlgefallen aufgelöst haben? Kommt dann eine »Emotions-Utopie« à la Planet Magnon, in der das Gefühlsleben in ähnlicher Weise rational und effizient organisiert wird wie Gesellschaft und Politik in der klassischen Utopie? Der in Planet Magnon entworfene Kosmos ist nicht bloß postpragmatisch, sondern in gewissem Sinne auch postutopisch.

Leif Randt

Leif Randt.

Trotz aller Vorteile sind nicht alle mit dieser schönen neuen Welt zufrieden. Im Untergrund hat sich das »Kollektiv der gebrochenen Herzen«, auch »Hanks« genannt, gebildet, das mit verschiedenen Aktionen gegen die »fast perfekte Illusion, dass es uns gut geht«, ankämpft. Wie John Savage in Aldous Huxleys Brave New World (1932) haben die Hanks das in Watte verpackte Leben satt und fordern echte Gefühle, echten Schmerz, kurz: »Bewusstsein für das eigene Unglück«. Die Idee, dass ein wahrhaft glückliches Leben nicht ohne Unglück zu haben ist, stellt einen Topos der dystopischen Tradition dar. In der von Randt entworfenen Welt erscheint diese Idee aber in einem neuen Licht. Nicht zuletzt wirft der Roman die Frage auf, ob letztlich nicht auch die gebrochenen Herzen auf die Initiative der ActualSanity zurückgehen. Zeichnet sich die postutopische Utopie mit anderen Worten also gerade dadurch aus, dass sie der Tatsache Rechnung trägt, dass jede Utopie in eine Dystopie umschlagen kann, und initiiert sie deshalb gleich selbst die Rebellion, die in einer Dystopie typischerweise ausbricht?

So reizvoll die Anlage des Romans gerade vor dem Hintergrund der Geschichte der literarischen Utopie sein mag, eine sonderlich mitreißende oder spannende Lektüre ist Planet Magnon dennoch nicht. Das ist teilweise durchaus gewollt, denn als Ich-Erzähler fungiert der Vorzeige-Dolfin Marten, dessen Blick auf die Welt dolfinmäßig kühl und reserviert ist. Allerdings ist es weniger die distanzierte Haltung, die den Roman etwas fade wirken lässt, als vielmehr der doch eher dürftige Plot. Auf der Suche nach dem Mädchen mit der Tigermaske, der geheimnisvollen Anführerin der Hanks, reisen Marten und seine Kollegin Emma Glendale durch das Sonnensystem, bis sie – nicht ganz unerwartet – auf dem Müllplaneten Toadstool fündig werden. Das ist in der Summe leider nicht sonderlich packend und erscheint in erster Linie als Vorwand, um alle Planeten des Sonnensystems vorstellen zu können. Aber im Grunde steht Randt auch damit fest in der utopischen Tradition. Schließlich dient der typische Reisebericht der klassischen Utopie ebenfalls nur als Rahmen, um die jeweilige utopische Welt in allen Details zu präsentieren.

Leif Randt: Planet Magnon. Kiepenheuer & Witsch: Köln, 2015. 304 Seiten, gebunden. 19,99 €. Erhältlich bei Amazon

Dinge, die am Radio kommen

Als Nachschlag zur Berliner Things-to-Come-Tagung, von der hier schon die Rede war, zwei Radiobeiträge des Deutschlandfunks

Zuerst ein Beitrag aus der Sendung Corso; Sigrid Fischer spricht mit mir über Science Fiction im Allgemeinen sowie über Tomorrowland – das Thema meines Vortrags – im Besonderen.

 

Tomorrowland

Tomorrowland: In der Ferne leuchtet die verheissungsvolle Zukunft.

Ausserdem noch eine Sendung, in der verschiedener Redner der Tagung zu Wort kommen (und in der man mich zum Kulturwissenschaftler ernannt hat).

Der Auftakt zum Utopia-Jubiläum

2016 stehen diverse Jubiläen an: 100 Jahre Dada Zürich, der 400. Todestag von William Shakespeare, 500 Jahre bayerisches Reinheitsgebot sowie das 500-jährige Jubiläum der Erstausgabe von Utopia. Im Dezember 1516 erschien beim Drucker Dirk Martens im niederländischen Löwen Thomas Morus’ De optimo rei publicae deque nova insula Utopia, wie das Werk mit vollem Titel heisst (ein frei verfügbares Digitalisat dieser Erstausgabe konnte ich bislang nicht finden; die dritte in Basel erschienenen Version, die allgemein als Referenzausgabe gilt, ist dagegen als PDF erhältlich).

Utopia (1518)

Das Titelblatt der Utopia-Ausgabe von 1518.

Dass ein Buch auch ein halbes Jahrtausend nach seinem Erscheinen noch diskutiert wird, kommt selten genug vor. Im Falle der Utopia scheint das Interesse mit jedem Jahrhundert zuzunehmen. Die Fülle an Publikationen zu Morus’ Meisterwerk ist längst nicht mehr zu überblicken und nimmt laufend zu; dass im Jubiläumsjahr zahlreiche Tagungen zum Thema anstehen, versteht sich von selbst (auch ich selber bin für eine mitverantwortlich, aber dazu später mehr, wenn die Sache konkreter wird).

Doch auch ausserhalb des akademischen Zirkus scheint das Thema Utopie so aktuell wie noch nie. Im Zeitalter von Terrorismus, Banken- und Flüchtlingskrise sowie Klimaerwärmung, werden allerorten neue Utopien gefordert resp. die dystopischen Zustände der Gegenwart beklagt (siehe dazu auch diesen Blogeintrag). Kaum ein Zeitungsfeuilleton, das sich in den vergangenen Jahren nicht zum Thema geäussert hätte, und dieses Jahr dürften es noch mehr werden. Es steht heuer also einiges an. Ich habe denn auch vor, dieses Jahr regelmässiger zum Thema bloggen. Mal schauen, ob ich diesem Vorsatz Folge leisten kann, oder ob er sich als utopisch erweisen

Steven Pinker und die Utopie

Leben wir in finsteren Zeiten, oder ist die allgegenwärtige Klage über den dystopischen Zustand der Welt nur die Folge einer falschen Wahrnehmung? Für Letzteres plädiert Steven Pinker in einem Vortrag, den er vor einem Monat in Zürich hielt. Pinker ist mir aus meinem Germanistik-Studium als Linguist ein Begriff; sein Buch The Language Instinct 1 war im Grundstudium Pflichtlektüre.

Mittlerweile beschränkt sich Pinker nicht mehr auf sein angestammtes Gebiet der Kognitionspsychologie, sondern ist zum Universaldenker avanciert, der sich zu den ganz grossen Menschheitsfragen äussert. So auch in Zürich, wo er auf Einladung des UBS International Center of Economics in Society einen Vortrag zu «The Past, Present, and Future of Violence» hielt, in dem er die wesentlichen Punkte seines Buches The Better Angels of Our Nature 2 von 2011 präsentierte (der komplette Vortrag ist hier eingebettet).

Pinkers Kernthese ist schnell zusammengefasst: Allen Unkenrufen zum Trotz ist die Geschichte der Menschheit eine Erfolgsgeschichte, denn die Welt war noch nie so friedlich wie heute. Die täglichen Meldungen über kriegerische Konflikten, Terroranschläge und Amokläufe mögen darüber hinwegtäuschen, aber weltweit ist die Zahl der Opfer von Gewalttaten stark rückläufig ist. Egal, welche Statistik man heranzieht, Gewalt ist in so ziemlich jeder Ausprägung – seien es Kriege, Morde, Folter oder Todesstrafe – deutlich im Abnehmen begriffen.

The Better Angels of Our Nature

Der Linguist wagt sich an die ganz grossen Fragen.

Bevor ich zur obligaten Kritik komme, möchte ich doch festhalten, dass mir die Grundaussage Pinkers eigentlich sehr sympathisch ist. Wie ich hier schön früher geschrieben habe, halte ich unsere Gegenwart durchaus nicht nur für schlecht. Und wenn Pinker darauf hinweist, dass Krieg in Westeuropa während Jahrhunderten Normalzustand war, heute aber fast undenkbar scheint, oder dass Sklaverei und Folter, die mittlerweile weltweit geächtet sind, über Jahrtausende hinweg unbestrittener Bestandteil jeder menschlichen Kultur waren, dann relativiert das die Klage über die vermeintliche Unmenschlichkeit der kapitalistischen Gesellschaft schon etwas. Als Psychologe kann Pinker auch diverse Mechanismen benennen, die dazu führen, dass man entgegen der tatsächlichen Zahlen zum Eindruck gelangen kann, Gewaltverbrechen würden zunehmen.

Ebenfalls recht hat Pinker mit der Feststellung, dass Terroranschläge und Schulmassaker zwar schreckliche Ereignisse seien, im Vergleich mit einem «richtigen Krieg» im Grunde aber  als vernachlässigbar erscheinen. Nimmt man etwa den Vietnamkrieg als Referenz, dem je nach Schätzung zwischen 1.5 und 3.6 Millionen Menschen zum Opfer fielen, werden die 130 Toten der Anschläge von Paris – Pinkers Vortrag fand nur drei Tage nach den Attentaten statt – statistisch irrelevant. 3 Trotz aller Schreckensmeldungen ist unser Leben heute so friedlich wie noch nie.

Wie gesagt: Von der grundsätzlichen Haltung her ist mir das durchaus sympathisch, und es würde nicht schaden, wenn Fakten wie die zurückgehenden Mordraten in der politischen Diskussion vermehrt beachtet würden. Aber auch mein Wohlwollen ändert nichts daran, dass Pinkers Argumentation in so ziemlich jedem Punkt angreifbar ist.

Dass Pinker diverse Dinge zusammenwirft und seine Ausführungen nicht nur auf Kriege und Morde beschränkt, sondern auch das Abnehmen von häuslicher Gewalt und Repressionen gegen Homosexuelle sowie den boomenden Vegetarismus als Belege für den Rückgang von Gewalt anführt, hat schon fast etwas Drolliges. Weitaus heikler sind aber grundsätzliche methodische Probleme. Der MIT-Professor ist definitiv kein Historiker, sondern zuerst und vor allem ein positivistischer Zahlenhuber. Sein Vortrag ist denn auch im Wesentlichen eine Aneinanderreihung unzähliger Statistiken, Grafiken und Kurven, die stets das Gleiche illustrieren sollen: Alles wird immer besser.

Die Top 20 schrecklichsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte nach Steven Pinker.

Die Top 20 schrecklichsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte nach Steven Pinker.

Mit seinem umfangreichen Zahlenmaterial kann Pinker erstaunliche Zaubertricks vollführen. Spontan würde man beispielweise meinen, dass die beiden Weltkriege jeweils zu gigantischen Peaks in den diversen Kurvendiagrammen führen müssten. 4 Pinker gelingt es aber, selbst diese statistischen «Ausreisser» zu relativieren, indem er nicht von absoluten Zahlen, sondern vom Verhältnis der Zahl der Kriegsopfer im Vergleich zur Weltbevölkerung ausgeht. So gemessen erreicht der Zweite Weltkrieg lediglich Platz 9 auf der Rangliste der opferreichsten Konflikte. Der erste Platz gebührt dagegen der An-Lushan-Rebellion im China das 8. Jahrhunderts.

Spätestens bei solchen Vergleichen wird offensichtlich, dass Pinker wenig Verständnis für quellenkritische Überlegungen hat. Denn natürlich ist es mehr als fragwürdig, ein über tausend Jahre zurückliegendes Ereignis auf diese Weise – vermeintlich – präzise zu erfassen und mit einem modernen Krieg zu vergleichen.

Interessanter als reine Statistik sind aber ohnehin die Erklärungen für den ausgemachten Trend: wenig überraschend bieten Pinkers Ausführungen reichlich Angriffsflächen. Ich möchte hier nicht im Detail auf die verschiedenen Gründe eingehen, die er für den Rückgang der Gewalt anführt, und beispielhaft nur einen rausgreifen. Pinker sieht in der Alphabetisierung eine Ursache für die Erweiterung dessen, was der Philosoph Peter Singer als «empathy circle» bezeichnet. Indem die Menschen Erzählungen lesen, lernen sie andere Standpunkte kennen und können sich deshalb besser empathisch in ihre Mitmenschen  einfühlen. Das wiederum macht es schwieriger, in einem Fremden ein nicht-menschliches Wesen zu sehen, dem man jedes erdenkliche Leid antun kann. Das klingt zwar sehr nett, wird aber spätestens dann fragwürdig, wenn man sich konkrete Beispiele anschaut. So dürfte der Alphabetisierungsgrad im Deutschland der 1930er Jahre im weltweiten Vergleich sehr hoch gewesen sein. Doch auch eine blühende Literatur hat das Volk der Dichter und Denker nicht am Holocaust gehindert. Einzelne Ereignisse sind für Pinker aber nur als Datenpunkt in der grossen Statistik interessant; deshalb kann selbst ein Ereignis wie der Holocaust seine These nicht widerlegen.

Obwohl Pinker nicht so naiv ist zu behaupten, dass die von ihm erzählte Geschichte zwangsläufig so weitergehen muss, ist seine Argumentation doch stark teleologisch angehaucht. Es gibt einen grossen geschichtlichen Bogen, und alles, was diesem widerspricht, sind Einzelfälle, die von seiner Zahlenmühle erbarmungslos klein gerieben werden. Und Gegenbeispiele gibt es zuhauf. So kennen heute zwar tatsächlich (fast?) alle Länder zumindest nominell Folterverbote, wenn es aber darauf ankommt, sind sich selbst Staaten wie die USA nicht zu schade, zur Folter zu greifen. Zwar werden solche Praktiken mit juristischen Gutachten legitimiert, aber letztlich zeigt sich hier sehr deutlich: Ob und welche Form von Gewalt zum Einsatz kommt, hängt weitaus mehr von der spezifischen Situation als von einer übergreifenden geschichtlichen Logik ab. Der Historiker Jörg Baberowski bringt es in einem Interview in der aktuellen Ausgabe des Magazins des Tages-Anzeigers auf den Punkt: «Gewalt ist eine Ressource, derer sich jeder bedienen kann.» Und ob man sich ihrer bedient, hängt primär von der jeweiligen Konstellation ab.

Es gäbe noch einiges zu Pinkers Version der Weltgeschichte zu sagen, ich möchte hier aber nur noch auf einen Punkt eingehen, der auch der Grund ist, warum ich ihm einen Blogeintrag widme. Pinker äussert sich auch zu Utopien, denn in diesen sieht er eine der Ursachen für Gewalt. Anhänger von utopischen Ideologien wähnen sich im Besitz der alleinigen Wahrheit, was sie zu jeglicher Gewalttat ermächtigt. Denn wer meint, im Namen einer höheren Gerechtigkeit zu agieren, kann jede Handlung rechtfertigen. Kommt hinzu, dass Utopien nicht vom Individuum, sondern von einer harmonisch funktionierenden Gesellschaft ausgehen. Der Einzelne ist nur ein Rädchen im grossen sozialen Getriebe. Wenn er den reibungslosen Ablauf stört, kann er im Interesse des utopischen Ganzen getrost eliminiert werden.

Karl Popper sieht in der Utopie den Ursprung des Totalitarismus.

Karl Popper sieht in der Utopie den Ursprung des Totalitarismus.

Diese Gleichsetzung von Utopie und Totalitarismus hat, wie bereits Rick Searle in seinem Blog dargelegt hat, eine lange Tradition. Ihr prominentester Vertreter ist Karl Popper, der in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde (1945) eine direkte Linie von Platon über Morus, Hegel und Marx bis zu Sowjetterror und Nationalsozialismus zieht. Dieses Verständnis von Utopie hat freilich wenig mit dem Utopiebegriff zu tun, wie er etwa in der Literaturwissenschaft oder der Politologie verwendet wird, und wurde in der Vergangenheit schon oft kritisiert. Popper und Pinker ignorieren die Tradition der anarchistischen Utopie – siehe dazu den Eintrag zu News from Nowhere – komplett und gehen zudem davon aus, dass Utopien zur Umsetzung gedacht sind, was sie in der Mehrheit der Fälle nicht sind. 5

Was Pinker bei seiner Utopie-Kritik ebenfalls übersieht, ist, dass er selbst an einer grossen utopischen Erzählung bastelt. Das beginnt schon damit, dass er von einer klar definierten menschlichen Natur ausgeht, die ­– natürlich mit den Mitteln der kognitiven Psychologie – adäquat beschrieben werden kann. Die Utopie kann nur deshalb von sich behaupten, die beste alle Staatsformen zu sein, weil sie der wahren menschlichen Natur entspricht, und Pinkers Argumentation baut ebenfalls darauf auf, dass bei allem historischen Wandel so etwas wie eine überzeitliche menschliche Natur existiert, die sich mittels richtiger Massnahmen und politisch-sozialen Einrichtungen modellieren und in gewünschte Bahnen lenken lässt. 6 Diese Überzeugung steht am Beginn jedes utopischen Entwurfs und ist für die Utopie letztlich von grundlegenderer Bedeutung als eine totalitäre Ausgestaltung des Staatsentwurfs.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Jörg Baberowski in dem bereits erwähnten Interview seinerseits gegen Pinker Stellung bezieht. Im Gegensatz zu Pinker versteht Baberowski explizit nicht als Abfolge von zwangsläufig auseinander hervorgehenden Ereignissen:

Wenn Historiker eine Geschichte erzählen, verknüpfen sie zufällig aus der Vergangenheit überlieferte Ereignisse kausal miteinander und unterstellen, ein Ereignis A habe ein später geschehenes Ereignis B verursacht. Aber es hätte auch alles anders kommen können.

Baberowski erteilt aber nicht nur grossen historischen Erzählungen eine Absage, er verneint zudem schlichtweg, dass es so etwas wie einen fortschreitenden Zivilisierungsprozess gibt:

Ich glaube nicht an die Verbesserung des Menschengeschlechts und die Erreichbarkeit des ewigen Friedens. Ich glaube nicht daran, dass man Menschen modellieren und zivilisieren kann.

Auch Baberoskwi könnte man manches erwidern; wo er aber sicher Recht hat, ist in der Kritik an Pinkers grosser Fortschrittserzählung. Pinker ist der Ansicht, dass gewisse historische Errungenschaften unumkehrbar sind, dass beispielsweise Sklaverei und Folter nie wieder zur Norm werden. Dies wirkt aus unserer aktuellen Perspektive durchaus überzeugend. Wir können uns in der Tat kaum vorstellen, dereinst wieder Sklaven zu halten oder öffentlichen Hinrichtungen und Verstümmelungen beizuwohnen. Allerdings ist das just das, was der IS derzeit vollführt. Pinker würde hier wohl einwenden, dass die Greueltaten des Kalifats vor allem auf einen propagandistischen Effekt abzielten – und dies mit Erfolg – , zahlenmässig aber kaum ins Gewicht fallen. Diese Argumentation hat durchaus etwas für sich, aber eine Gewissheit, dass sich die Geschichte so weiterentwickelt, wie von Pinker skizziert, gibt es dennoch nicht.

Pinkers Ansatz ähnelt dem von Francis Fukuyama nach dem Niedergang der Sowjetunion beschworenen «End of History», der Auffassung, dass die Geschichte der Menschheit zwangsläufig zum Triumph freiheitlicher Demokratien führen muss. Beide Autoren lehnen Utopien erklärtermassen ab, übersehen dabei aber, dass sie im Grunde selber von einem utopischen Endzustand ausgehen. Der entscheidende Unterschied zur klassischen Utopie ist dabei, dass ihre ideale Staatsform nicht erst realisiert werden muss, sondern angeblich bereits existiert. Ihre Utopie ist die Gegenwart. 7

Literatur

Balasopoulos, Antonis: «Anti-Utopia and Dystopia: Rethinking the Generic Field». In: Vlastaras, Vassilis (Hg.): Utopia Project Archive, 2006–2010. Athens 2011, 59–67.

Engels, Friedrich: «Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft» (1880). In: Marx, Karl/Engels, Friedrich: Werke. Bd. 19. Berlin 1973, 177–228.

Fukuyama, Francis: The End of History and the Last Man. New York 1992.

Pinker, Steven: The Better Angels of Our Nature. The Decline of Violence in History and Its Causes. London 2011.

Popper, Karl R.: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd. 1: Der Zauber Platons. München 1975 (Original: The Open Society and Its Enemies, I. The Spell of Plato. London 1945).

– : Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Bd. 2: Falsche Propheten. München 1980 (Original: The Open Society and Its Enemies, I. The High Tide of Prophety. London 1945).

Anmerkungen:

  1. Auf Deutsch: Der Sprachinstinkt.
  2. Auf Deutsch: Gewalt.
  3. Was mich an Pinkers Vortrag nicht zuletzt irritierte, war, dass er es fertig brachte, in völlig apolitischer Weise über Gewalt und Terror zu sprechen. Zwar deutete er im anschliessenden Q&A an, dass angesichts der statistischen Vernachlässigbarkeit von Terroranschlägen militärische Reaktionen vollkommen unverhältnismässig seien. Die Toten, die etwa der Irak-Krieg auf beiden Seiten gefordert hat, stehen in keinem Verhältnis zur Zahl der Opfer des 11. Septembers. In Anbetracht der Kriegsrhetorik von François Holland wirkte seine Antwort aber sehr zahm und ausweichend. Gerade so, als wolle er bloss niemandem auf die Füsse treten.
  4. Die Schätzungen gehen naturgemäss auseinander, aber selbst konservative Ansätze gehen alleine für den Zweiten Weltkrieg von 50 Millionen direkten Kriesgtoten aus.
  5. Es wäre zudem nicht nur danach zu fragen, inwieweit die sowjetische Einparteiendiktatur noch etwas mit Marxʼ Theorie zu tun hatte, sondern auch, inwiefern Kommunismus und Nationalsozialismus tatsächlich utopische Projekte sind. Marx und Engels taten die utopischen Entwürfe der Frühsozialisten Charles Fourier, Henri de Saint-Simon und Robert Owen als realitätsfremde Träumereien ab, denen sie ihren «wissenschaftlichen Sozialismus» gegenüberstellten. In seiner Schrift «Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft» (1880) bezeichnet Engels die Frühsozialisten zwar als seinen geistige Vorläufer, kritisiert aber deren Entwürfe. Gerade die detaillierte Beschreibung mache diese als politische Programme wertlos: «je weiter sie in ihren Einzelnheiten ausgearbeitet wurden, desto mehr mußten sie in reine Phantasterei verlaufen«. Die Nazis wiederum verfügten – nicht zuletzt im Vergleich zu den Kommunisten – über keine ausgearbeitete Gesellschaftstheorie.
  6. Dass gerade die Frage, was denn die menschliche Natur ausmacht, historisch höchst unterschiedlich beantwortet wird, interessiert Pinker nicht. Eine Konzeption von Geschichten in Brüchen, wie sie etwa Michel Focault postuliert, scheint ihm gänzlich fremd.
  7. Antonis Balasopoulos, der in einem Artikel zwischen diversen Spielarten von Utopien, Dystopien und Anti-Utopien unterscheidet, zählt Fukuyamas Modell zu den so genannten «pre-emptive anti-Utopias». Diese zeichnen sich dadurch aus, dass «they explicitly suggest that existing reality is, in substance, already Utopian, and hence, that continuing dissatisfaction with it is implicitly or explicitly illegitimate or even dangerous» (62).

Wer hat die Utopia geschrieben?

Wer ist der Autor der Utopia? – Die Antwort auf diese Frage scheint nicht wirklich strittig. Verfasser des 1516 erstmals in lateinischer Sprache erschienenen Textes, der ein ganzes Genre begründet hat und heute, fast 500 Jahre nach der Erstauflage, nur wenig von seiner Aktualität verloren hat, ist natürlich Thomas Morus, seines Zeichens einer der herausragenden Vertreter des Renaissance-Humanismus, Busenfreund von Erasmus von Rotterdam, englischer Lordkanzler unter Heinrich VIII., Märtyrer und schliesslich Heiliger der rttholischen Kirche.

Die Karte der Erstausgabe von 1516.

Die Karte der Erstausgabe von 1516.

Soweit die allgemein akzeptierte Antwort, doch bei genauerer Betrachtung erweist sich die Sache als ein wenig komplizierter. Morus schickte das Manuskript im September 1516 an Erasmus, der sich gemeinsam mit dem Antwerpener Stadtschreiber Peter Giles – der als Figur in der Utopia auftritt – um den Druck kümmern sollte. Zugleich bat er Erasmus, dass dieser andere Humanisten um Begleitschreiben angehen möchte. Die Erstausgabe, die in Löwen erschien, erhielt dann auch diverses Zusatzmaterial: Neben verschiedenen Begleitbriefen u.a. eine Karte der Insel Utopia, ein Gedicht in utopischer Sprache inklusive lateinischer Übersetzung und einem utopischen Alphabet sowie Randglossen, welche den Text kommentieren. An diesen Zusätzen, den sogenannten Parerga, war Morus entweder gar nicht oder bestenfalls indirekt beteiligt. In den folgenden Ausgaben – alleine bis 1519 erschienen vier weitere – änderte sich die Zusammensetzung der Parerga jedes Mal wieder. So fehlten in der Pariser Ausgabe von 1517 sowohl die Karte wie auch das utopische Gedicht, während die Basler Ausgabe vom März 1518 mit einer neuen Karte von Ambrosius Holbein aufwartete. Ähnlich bei den Begleitbriefen: Enthielten die ersten beiden Ausgaben noch einen Brief und ein Gedicht des Humanisten Johannes Paludanus, fielen diese in der Folge weg. 1

Die Karte von 1518.

Die Karte von 1518.

Mit anderen Worten: Das Buch, das 1516 erschien, ist nicht das alleinige Werk von Thomas Morus. Diese Erkenntnis ist an sich noch nicht sonderlich umstürzend. Dass ein Buch auf dem Weg vom Autor zum Publikum Änderungen erfährt, ist nicht ungewöhnlich – weder damals noch heute. Man denke nur an so banale Dinge wie die Gestaltung des Covers oder die Frage, ob ein Buch z.B. in einem Genreverlag erscheint oder bei einem auf Hochliteratur spezialisierten Haus. Bereits derartige Äusserlichkeiten, die oft nicht in der Hand des Autors liegen, können die Rezeption nachhaltig beeinflussen.

In Utopia berichtet ein Ich-Erzähler namens Thomas Morus, wie ihm ein Freund – eben besagter Peter Giles – bei einem Besuch in Antwerpen einen Mann namens Raphael Hythlodaeus vorstellt. Dieser Hythlodaeus hat Amerigo Vespucci auf dessen drei letzten Fahrten in die Neue Welt begleitet; bei dieser Gelegenheit ist er auf die Insel Utopia gestossen. Das Buch setzt sich aus zwei Teilen zusammen. Im ersten diskutieren Hythlodaeus und Morus darüber, ob sich Gelehrte wie Hythlodaeus als Berater in den Dienst von Fürsten begeben sollten. Hythlodaeus lehnt das entschieden ab und übt zudem scharfe Kritik an den politischen Verhältnissen in England. Der zweite Teil besteht dann vor allem aus seiner Beschreibung der Insel Utopia, deren politische und soziale Organisation er in vielerlei Hinsicht für vorbildlich hält.

Utopisches Gedicht und Alphabet der Erstausgabe.

Utopisches Gedicht und Alphabet der Erstausgabe.

Der grosse Streitpunkt bei der Interpretation der Utopia ist seit jeher, ‹wie ernst das Buch gemeint ist›. Die Palette der Antworten, die bereits gegeben wurden, deckt das ganze Spektrum ab: Vom reinen Jux bis zum proto-kommunistischen Aktionsprogramm wurde so ziemlich alles in den Text hinein gelesen. Unabhängig davon, dass beide Varianten in ihrer Extremform falsch sein dürften, wird somit etwas deutlich: Die Intention des Autors und damit verbunden auch die Frage, wer eigentlich für den Text verantwortlich ist, spielt bei dessen Interpretation eine nicht zu unterschätzende Rolle. Und da die  Utopia vielerorts als Urtext und Genreprototyp der Utopie verstanden wird, ist auch die Konzeption des Genres insgesamt von dieser Frage betroffen. Zur Diskussion steht damit auch, inwieweit sich die Parerga auf die Rezeption der Utopia auswirken und ob sie der ursprünglichen Intention von Morus – soweit diese überhaupt rekonstruierbar ist – entsprechen oder dieser entgegen stehen.

Nun hat die moderne Literaturwissenschaft generell ein schwieriges Verhältnis zur – tatsächlichen oder vermeintlichen – Intention des Autors. Allgemein gilt der Grundsatz, dass man als Interpret vom Text und nicht vom Verfasser ausgehen sollten; denn was Letzterer wollte, lässt sich oft nicht genau eruieren und muss zudem keineswegs ausschlaggebend sein. Ein Text kann durchaus eine Wirkung entfalten, die vom Autor gar nicht beabsichtigt war. Dies ist auch im Falle der Utopia nicht anders. Tatsächlich macht eine genaue Lektüre des Textes dessen Absicht aber sehr wohl deutlich – nicht zuletzt dank den Parerga.

Morus betreibt in seinem Text ein äusserst kunstvolles Verwirrspiel um Fiktion und Nichtfiktion. Er nimmt zwei reale Personen – sich selbst und Peter Gilles – sowie ein reales Ereignis – Morus war tatsächlich in Antwerpen –, um die fiktive Figur Hythlodeaus einzuführen, die dann von der nicht realen Insel Utopia berichtet. Indem er Hythlodeaus zum Befürworter der utopischen Ordnung macht, den Ich-Erzähler Thomas Morus aber als skeptischen Zuhörer zeichnet, wird deutlich, dass Utopia mitnichten als Entwurf eines in allen Punkten anzustrebenden Idealstaates zu verstehen ist.

Morus war ein grosser Bewunderer des antiken Satirikers Lucian; unter anderem hat er mehrere Werke Lucians übersetzt. Und in dieser Tradition steht auch die Utopia; Morus wollte mit seinem Buch nicht ein politisches Programm entwerfen, sondern ein Gegenbild zur Realität, in der er lebte. Ein Gegenbild, das stellenweise Vorbildcharakter hat, das aber auch viele satirische Elemente enthält. Besonders deutlich wird die satirische Absicht, wenn Hythlodaeus beschreibt, dass die Utopier an Geld nicht interessiert seien und daraus Nachttöpfe und Ketten für ihre Gefangenen fertigten. Die zahlreichen sprechenden Namen strotzen ebenfalls vor Ironie. Dass ‹Utopia› als ‹ou-topos› – griechisch für ‹Nicht-Ort› – verstanden werden kann, ist dabei nur das offensichtlichste Wortspiel. Unter anderem trägt die Hauptstadt Utopias, durch die der Fluss «Anydrus» (Wasserlos) fließt, den Namen «Amaurotum» (Nebel- oder Schattenstadt, was wohl auf London anspielt) und wird von einem Fürsten mit dem Titel «Ademos» (Ohnevolk) regiert.

Derartige Wortspiele setzten gute Griechischkenntnisse voraus, was beim ursprünglichen Zielpublikum, dem Humanistenkreis um Morus und Erasmus, auch gegeben war. Dass diese die satirische Intention des Werks erkannten, zeigen die Parerga. In den verschiedenen Briefen – aber auch in den Randbemerkungen, die wahrscheinlich von Giles spannen –, wird das ironische Versteckspiel, das Morus begonnen hat, fröhlich fortgesetzt. So bittet Morus Giles in einem Brief darum, von Hythlodaeus die genaue Lage der sagenhaften Insel in Erfahrung zu bringen, denn er – Morus – habe vergessen, diesen danach zu fragen. Giles wiederum schreibt dann in einem Brief an Hieronymus van Busleyden, er wisse ebenfalls nicht, wo Utopia liege, da jemand gerade in dem Moment gehustet habe, als Hythlodaeus dazu genaue Angaben machte.

Die Funktion der Parerga ist somit nicht zuletzt, auf den humoristischen Grundton des Textes aufmerksam zu machen. Unabhängig davon, wie weit Morus selbst für die verschiedenen Druckfassungen verantwortlich war, scheinen seine Mitstreiter also genau verstanden zu haben, worauf er mit seinem Text hinaus wollte. 2 Dass dieses Verfahren längst nicht von allen erkannt wird, liegt in der Natur der Sache. Angeblich soll es bereits zu Morus’ Lebzeiten Leser gegeben haben, die Hythlodaeus’ Bericht für bare Münzen nahmen. Je grösser der Leserkreis wurde, desto häufiger dürften derartige Missverständnisse geworden sein. Mit dafür verantwortlich war wohl auch, dass die Parerga, welche den Leser entsprechend lenken sollten,  in den Folgeauflagen und den Übersetzungen oft weggelassen wurden. Manche frühe Übersetzung verzichtete sogar auf das ganze erste Buch und konzentrierte sich auf die vermeintliche Hauptsache, die Beschreibung der Insel Utopia. Dass die Interpretation in der Folge grundsätzlich anders ausfiel, kann nicht erstaunen.

Seit kurzem in meinem Besitz: Die Yale-Ausgabe.

Seit kurzem in meinem Besitz: Die Yale-Ausgabe.

Obwohl sich die Forschung heute weitgehend einig ist, dass Utopia nicht eins zu eins als politische Programmschrift gelesen werden darf, dass jede Interpretation die satirischen und ironischen Volten berücksichtigen muss, hat sich die Editionspraxis nur unwesentlich verbessert. Ein Konsens, welche Ausgabe massgeblich ist, existiert nach wie vor nicht. Heute existieren zwei Referenzfassungen der Utopia: Die ‹klassische›, die 1965 im Rahmen der Complete Works bei Yale University Press erschienen ist (und die ich seit neuestem mein Eigen nenne), sowie eine neuere, die von Cambridge University Press veröffentlicht wurde. Beide enthalten die Parerga und Glossen in lateinischer und englischer Sprache. Sieht man von diesen beiden relativ teuren und primär für Spezialisten gedachten Ausgaben ab, ist die Situation wenig erfreulich; die gängigen Taschenbuchausgaben und Übersetzungen verzichten fast alle auf die Parerga – das gilt auch für die wohl gebräuchlichste deutsche Fassung, die von Klaus J. Heinisch in dem Sammelband Der utopische Staat herausgegeben wurde, in dem auch Tommaso Campanellas Civitas Solis sowie Francis Bacons Nova Atlantis enthalten sind. 3

Wie bereits angedeutet geht es hier nicht nur um philologische Fliegenbeinzählerei. Trotz ihres stattlichen Alters ist die Utopia kein obskurer Text, sondern wird noch immer rezipiert und dient vielerorts dazu, die Utopie als Genre zu definieren. Ihre Interpretation ist somit für alle, die sich mit Utopien beschäftigen, von grundlegender Bedeutung. Ein vollständige deutsche Ausgabe wäre deshalb auf jeden Fall wünschenswert.

Literatur

Cave, Terence Christopher (Hg.): Thomas More‘ s «Utopia» in Early Modern Europe: Paratexts and Contexts. Manchester 2008.

Heinisch, Klaus J. (Hg.): Der utopische Staat. Utopia. Sonnenstaat. Neu-Atlantis. Reinbek bei Hamburg 2001.

More, Thomas: The Yale Edition of the Complete Works of St. Thomas More. Bd. 4: Utopia. Hg. von Edward Surtz und J. H. Hexter. New Haven/ London 1965.

Utopia. Latin Text and English Translation. Übers. von Robert M. Adams. Hg. von George M. Logan, Robert M. Adams, Clarence H. Miller et al. Cambridge/New York 2006.

Morus, Thomas: Utopia. In der Übertragung von Hermann Kothe. Hg. von Horst Günther. Frankfurt/Leipzig 1992.

Schölderle, Thomas: «Die Genese Utopias. Muss die Entstehungsgeschichte von Thomas Morus’ Utopia neu geschrieben werden?». In: Zeitschrift für Fantastikforschung. 5.1/9, 2015, 26–61.

Anmerkungen:

  1. Für alle, die es ganz genau wissen wollen, gibt es in dem von Terence Christopher Cave herausgegebenen Band Thomas More’s «Utopia» in Early Modern Europe: Paratexts and Contexts eine detaillierte Aufstellung der Parerga in den verschiedenen Ausgaben.
  2. Die mancherorts vertrene These, Morus sei gar nicht der Autor der Utopia resp. Erasmus und Giles hätten ihm sein Buch quasi entwendet, ist somit wenig stichhaltig. Siehe dazu auch Thomas Schölderles Artikel in der letzten Ausgabe der Zeitschrift für Fantastikforschung.
  3. Eine löbliche Ausgabe ist die unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlichte, frei im Netz erhältliche Open Utopia. Thomas Schölderle hat mich zudem auf die von Horst Günther herausgegebene Ausgabe, die beim Insel-Verlag erschienen ist, aufmerksam gemacht, die grosse Teile der Parerga enthält. Eine deutsche Übersetzung, welche auch die Glossen umfasst, ist mir nicht bekannt.

Sebastian Stoppe: Unterwegs zu neuen Welten

Mein aktuelles Forschungsprojekt geht von der Prämisse aus, dass es im Bereich des Spielfilms keine positive Utopien – auch Eutopien genannt – gibt. Die Gründe dafür sind einleuchtend: Die positive Utopie beschreibt eine Gesellschaft ohne Konflikte, die Figuren sind reine Platzhalter und der Handlungsrahmen dient nur als Vorwand für das eigentliche Anliegen: Die detaillierte Beschreibung des utopischen Staates.

So weit ist sich die Forschung mehr oder weniger einig; die meisten Studien zur filmischen Utopie wenden sich deshalb, nachdem sie festgestellt haben, dass es keine untersuchenswerten Eutopien gibt, der Dystopie zu. Ich selber habe anderes vor – ich widme mich positiven Entwürfen im Dokumentar- und Propaganda-Film.

Buchcover

Obwohl mein Forschungsschwerpunkt somit nicht beim Spielfilm liegt, bin ich an diesem Feld dennoch nach wie vor interessiert (wie man auch an diesem Blog sieht). Entsprechend neugierig war ich auf Sebastian Stoppes Unterwegs zu neuen Welten, das ich für das Journal of the Fantastic in the Arts rezensieren durfte. Stoppe widmet sich in seinem Buch dem Star-Trek-Franchise, das er als positive Utopie liest. Dieser Ansatz ist nicht neu – Dominik Orth hat dazu beispielsweise schon einen Aufsatz geschrieben 1 – und liegt bis zu einem gewissen Grad auch auf der Hand. Denn zweifellos enthält Star Trek verschiedene utopische Elemente: Die Serien und Filme spielen vor dem Hintergrund einer galaktischen Föderation, in der Menschen und zahlreiche ausserirdische Völker mehr oder weniger friedlich vereint sind. Die Technik ist weit fortgeschritten, die Wirtschaft funktioniert ohne Geld und dank Replikator-Technik gehören Ressource-Probleme weitgehend der Vergangenheit an.

Reichen diese und weitere Elemente nun aber aus, um aus Star Trek als Ganzes eine Utopie zu machen? Die Beantwortung dieser Frage hängt natürlich davon ab, wie eng man den Begriff der Utopie fasst. Bislang war ich der Ansicht, dass Star Trek vom morusschen Modell trotz einiger Gemeinsamkeiten ziemlich weit entfernt ist. Die klassische Utopie in der morusschen Tradition beschreibt seitenlang, wie das politische System, die Wirtschaft, Familie und Erziehung, das Kriegswesen und diverses anderes organisiert ist. Dass kein Spielfilm diese Vollständigkeit auch nur annähernd erreicht, erstaunt nicht. Aber Star Trek ist ja weit mehr als bloss ein Film. Es ist ein Megatext, zu dem neben den Serien und Filmen auch Romane, Comics und offizielle Referenzbücher gehören. Angesichts der Vollständigskeitswut, die sich bei solchen Unternehmen oft beobachten lässt, wäre es durchaus möglich, dass sich genug Material zusammentragen lässt, das in der Summe ein ähnlich komplettes Bild ergibt. Stoppe greift denn auch explizit auf entsprechende kanonisierte – das heisst: durch die Rechteinhaber autorisierte – Bücher zurück.

Die Brücke der Enterprise.

Doch kein utopischer Raum.

Gelingt es Stoppe also, den in Star Trek vergrabenen utopischen Entwurf herauszuarbeiten? Mit einem Wort: nein. Auch nach 300 Seiten war zumindest für mich nach wie vor nicht klar, warum Star Trek nun eher als Utopie gelten sollte als diverse andere Space Operas. Dass es utopische Elemente in der Franchise gibt, ist unbestritten, diese machen Star Trek als Ganzes aber noch nicht zur Utopie. Zumal sich Stoppe durchaus am Idealtypus Utopia orientiert und somit von einem ähnlich engen Utopie-Begriff wie ich ausgeht. Es gibt zwar durchaus Gemeinsamkeiten, die blosse Tatsache, dass zum Beispiel sowohl Utopia als auch Star Trek ohne Geld auskommen, ist aber noch kein starkes Argument. Denn bei Morus erhalten wir Ausführungen, wie diese fiktive Wirtschaft funktionieren soll, bei Star Trek dagegen wird nichts erklärt resp. bleiben die Ausführungen recht wolkig. Dies gilt auch für eines der wichtigsten Elemente jeder Utopie – der Staatsorganisation. Stoppe kann auch nach ausführlicher Analyse nicht darlegen, wie das politische System von Star Trek aufgebaut ist und in welchem Verhältnis die verschiedenen Institutionen – so sie denn überhaupt bekannt sind – zu einander stehen. Dass dies so ist, überrascht freilich nicht. Zum einen geht es bei Star Trek in erster Linie eben nicht um die Darlegung eines utopischen Entwurfs, zum anderen wäre es für die Autoren des Franchise wohl eine unnötige Einschränkung, wenn all diese Dinge genau festgelegt wären. Die Vagheit des Entwurfs dürfte hier durchaus gewollt sein, denn sie schafft Spielraum.

Nicht nur bin ich mit Stoppes Fazit nicht einverstanden, es gibt noch weitere Dinge, die mich an seiner Studie, die als Dissertation an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg entstanden ist, irritieren. So gibt es mindestens drei umfangreiche deutschsprachige Studien zur filmischen Utopie 2 – Stoppe erwähnt keine davon. Fast noch seltsamer ist, wie viel Zeit der Autor damit verbringt, das Star-Trek-Universum vorzustellen – mit allen Quadranten, Rassen, Raumschiffen etc. In diesen Ausführungen erinnert sein Buch eher an ein Fan-Kompendium als an eine wissenschaftliche Studie. Zumal ein Grossteil dieser Ausführungen kaum etwas zum eigentlichen Thema beiträgt. Indem er auf die verschiedenen Allianzen und Konflikte eingeht, will Stoppe zeigen, dass Politik ein wichtiger Faktor in Star Trek ist. Wenn das allerdings bereits utopisch ist, müsste auch Game of Thrones als Utopie gelten.

Für mich hat Unterwegs zu neuen Welten letztlich nur bestätigt, dass Star Trek trotz einzelner utopischer Elemente insgesamt nicht als positive Utopie gelten kann.

Meine «offizielle» Rezension wird in einer der kommenden Ausgaben des Journal of the Fantastic in the Arts erscheinen.

Update: Die Rezension ist mittlerweile erschienen und hier verfügbar.

Stoppe, Sebastian: Unterwegs zu neuen Welten. Star Trek als politische Utopie. Darmstadt: büchner 2014.
Bei Amazon kaufen.

Anmerkungen:

  1. Orth, Dominik: «Mediale Zukunft — Die Erreichbarkeit des (Anti-)Utopischen». In: Medienobservationen, 2008. http://www.medienobservationen.lmu.de/artikel/kino/ kino_pdf/orth_zukunft.pdf
  2. Zirnstein, Chloé: Zwischen Fakt und Fiktion. Die politische Utopie im Film. München: Utz, 2006; Müller, André: Film und Utopie. Positionen des fiktionalen Films zwischen Gattungstraditionen und gesellschaftlichen Zukunftsdiskursen. Berlin: Lit, 2010; Endter, Heike: Ökonomische Utopien und ihre visuelle Umsetzung in Science-Fiction-Filmen. Nürnberg: Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2011.

Tagungsnotizen

Wie im letzten Eintrag angekündigt, war ich vergangene Woche in Berlin an der Tagung Embattled Heavens. Thema der Konferenz waren Kämpfe in und um den Weltraum in allen denkbaren Facetten. Das mag sich auf den ersten Blick ein bisschen seltsam anhören, ist im Grunde aber ein durchaus nahe liegendes Thema. Die Geschichte der Raumfahrt ist nun einmal eng mit politischen und militärischen Fragen verknüpft; beispielsweise hätte ohne den Kalten Krieg der erste Flug zum Mond kaum schon 1969 stattgefunden (kleine Wissensfrage am Rande: Wer war der dritte Mann auf dem Mond? Ich selbst habe keine Ahnung resp. habe den Namen bereits wieder vergessen. Durchaus beruhigend, dass viele Konferenzteilnehmer ebenfalls nicht in der Lage waren, aus dem Stand, die korrekt Antwort – Michael Collins – zu geben Korrektur: Wie Uli im Kommentar korrekt bemerkt, war Michael Collins zwar der dritte Teilnehmer der Apollo-11-Mission, aber nicht der dritte Mensch auf dem Mond. Diese Ehre kommt vielmehr Charles «Pete» Conrad, Jr., dem Kommandanten der Apollo-12-Mission, zu.), und später gab es unter US-Präsident Reagan doch einigermassen ernsthafte Pläne zur Aufrüstung im All.

Weltraumschiff 1 startet

Weltraumschiff 1 startet

An der Tagung waren Historiker, Geographen, Literatur- und Kulturwissenschaftler sowie Spezialisten für Verschwörungstheorien und sogar ein waschechter UFO-Gläubiger versammelt, und insgesamt war die Stimmung sehr angenehm. In meiner Erfahrung sind interdisziplinäre Tagungen oft entspannter als ausgesprochene Fachtagungen, da der Konkurrenzkampf weniger ausgeprägt ist. Da ohnehin jeder in einem anderen Gebiet tätig ist, muss man auch nicht die ganze Zeit zeigen, wie viel besser man Bescheid weiss als die anderen. Ein kleines Highlight war für mich der Vortrag von Jörg Hartmann, den ich schon seit längerer Zeit kenne. Jörg sprach über Weltraumschiff 1 startet, einen ziemlich obskuren deutschen Kurzfilm aus dem Jahr 1937. Der Film ist seit längerer Zeit frei im Web erhältlich, über seine Entstehung ist aber wenig bekannt. Jörg ist – auch für ihn eher unerwartet – zum Recherchier-Spürhund geworden, wobei es ihm gelang, den Sohn des Regisseurs Anton Kutter ausfindig zu machen 1. In seinem Vortrag konnte er dann Material präsentieren, das vorher kaum jemand gesehen hatte – u.a. das Originaldrehbuch und grossartige Set-Fotos. Ich hoffe, dass daraus mal eine eigene kleine Publikation wird.

Für mein eigentliches Thema direkt warf die Tagung zwar nicht allzu viel Konkretes ab, es war aber doch interessant, dass nicht nur der Begriff «Science Fiction» oft fiel, sondern dass auch immer wieder von Utopien die Rede war. Zwar kaum je in dem engen Sinn, der mich primär interessiert, aber das All ist definitiv eine Projektionsfläche für utopische Phantasien.

Dass ich durch die relativ spezialisierte meines Vortrags ein bisschen aus dem Tagungsrahmen fallen würde, hatte ich erwartet, und so überraschten mich die unterschiedlichen Reaktionen auf meinen Vortrag denn auch nicht sonderlich. Manchen war die Frage, ob Starship Troopers als klassische Utopie gelten kann, wohl zu weit weg vom eigentlichen Thema. 2 Viele positive Reaktionen gab es dafür, wenn ich bei den diversen Gesprächen zwischen den Vorträgen von meinem Forschungsprojekt erzählte. Das Thema stösst zu meiner grossen Freude auf reges Interesse.

In diesem Zusammenhang freut es mich auch, dass mein Proposal für die Tagung SF/F Now, die am 22. und 23. August an der University of Warwick stattfinden, angenommen wurde. Ich werde die Gelegenheit nutzen, um dort mein Projekt erstmals einem internationalen Publikum zu präsentieren.

Anmerkungen:

  1. Auf Anton Kutter bin ich kürzlich selbst gestossen und zwar in Zusammenhang mit dessen Film Ein Meer versinkt (1936) (gesehen habe ich den Film noch nicht, Auszüge daraus gibt es ebenfalls auf YouTube). Dieser Film dreht sich um das wahnwitzige Altantropa-Projekt, das zum Ziel hatte, einen Staudamm in der Strasse von Gibraltar und bei den Dardanellen zu errichten, um so Teile des Mittelmeers trocken zu legen. Ich hoffe, dass ich später noch ausführlicher auf Atlantropa eingehen werde. 
  2. Ich teilte das Panel mit Philipp Theisohn, der an der Universität Zürich das Forschungsprojekt Conditio Conditio extraterrestrisch über das All als literarischen Imaginations- und Kommunikationsraum. Auch er sprach zu Heinleins Romans. Dass sich ausgerechnet die beiden Zürcher Tagungsteilnehmer mit dem gleichen Roman beschäftigen, ist doch einigermassen originell.

Umkämpfte Himmel

Nächste Woche findet in Berlin die Tagung Embattled Heavens: The Militarization of Space in Science, Fiction, and Politics statt, an der ich einen Vortrag halten werde  – natürlich zur Utopie. Das Thema der Tagung ist zwar nicht unbedingt utopisch, ich habe es aber dennoch geschafft, mich reinzuschmuggeln, und zwar mit einem Vortrag zu Robert A. Heinleins  Starship Troopers (1959). Der Roman erzählt die Geschichte des jungen Soldaten Johnnie Rico, der in der Zukunft gegen ausserirdische Bugs kämpft. Wie diese Zukunft im Detail aussieht, wie die Gesellschaft organisiert ist, erfahren wir kaum, lediglich ein Aspekt wird hervorgehoben: Wahlberechtigt ist in der Welt von Starship Troopers nur, wer Militärdienst geleistet hat. 1

StarshipTroopersCoverStarship Troopers ist eines der bekanntesten Büchern Heinleins und zugleich sein umstrittenstes. Wem es langweilig ist, braucht nur in einem SF-Forum seiner Wahl eine Diskussion zum Thema «Ist Starship Troopers faschistisch?» zu starten – genug Unterhaltung für die folgenden Tage dürfte garantiert sein. So ganz konnte und kann ich diese heftigen Reaktionen nie nachvollziehen, denn in meinen Augen ist der Roman nicht nur ziemlich dumm, sondern auch erstaunlich langweilig. Vorderhand wird zwar die Geschichte Johnnie Ricos erzählt, im Grund fehlt aber ein echter Plot. Stattdessen gibt es – nach einem durchaus rasenten Auftakt mit einer Schlachtenszene – kapitellange Ausführungen über militärische Ausbildung, kindische Rechtfertigungen von Todesstrafe und körperlicher Züchtigung und viel militaristisches Macho-Geschwätz.

Dennoch beschäftigt mich der Roman schon länger, nicht zuletzt wegen Paul Verhoevens grossartiger Verfilmung. Denn Verhoeven und sein Drehbuchautor Ed Neumeier – Verhoeven selbst hat den Roman nach eigener Aussage gar nie zu Ende gelesen – haben etwas sehr ungewöhnliches gemacht, zumal für Hollywoodproduktionen: Ihr Starship Troopers ist keine Verfilmung im Geiste der Vorlage, sondern vielmehr eine Satire auf diese. Der Film nimmt die Ausgangslage des Romans und übertreibt alles ein bisschen – das Ergebnis ist eine zwar nicht sonderlich subtile, aber sehr unterhaltsame schwarze Satire. 2 Eine Satire, die über die Länge eines Films hinweg funktioniert und nicht nach 30 Minuten verpufft, gehört in meinen Augen zu den schwierigsten Dingen, die es im Medium Spielfilm gibt; Starship Troopers ist eines der wenigen Beispiele, die nicht scheitern.

StarshipTroopersGerichIch will schon seit geraumer Zeit einen Artikel darüber schreiben, dass Starship Troopers eigentlich eine Utopie ist. Denn zahlreiche Elemente seiner Zukunftsgesellschaft sind utopisch, und dies  im doppelten Sinn: Einerseits zeigt der Film eine Gesellschaft, in der – mit Ausnahme dieses blöden Kriegs mit den Bugs – alle mehr oder weniger zufrieden scheinen, zum anderen bedient sich der Film verschiedener Topoi, die zum festen Bestandteil der utopischen Literatur gehören. An dieser Stelle sei nur ein Beispiel erwähnt: Die Klage darüber, dass die Gesetze und das Justizwesen generell zu kompliziert seien und dass vor Gericht am Ende nicht gewinnt, wer Recht hat, sondern wer den raffinierteren Anwalt aufbietet, findet sich bereits bei Morus. Viele Utopien reagieren darauf mit einer radikalen Vereinfach der Gesetze. Was richtig und falsch ist, ist ja ohnehin  klar, also braucht es auch keine komplizierten Prozesse. Dieses Motiv nimmt Starship Troopers in einem seiner Nachrichten-Einsprengsel auf. So ganz nebenbei erfahren wir, dass ein Mörder am gleichen Tag vor Gericht gestellt und zu Tode verurteilt wurde. Die Exekution ist für den Abend angesetzt.

Als Bartholomäus Figatowski vergangenes Jahr einen Call for Papers für einen Heinlein-Sammelband lancierte, 3 schien das die ideale Gelegenheit, um diese Idee endlich auszuarbeiten. Um über den Film zu schreiben, musste ich mich aber zuerst genauer mit dem Roman beschäftigen, und zu meiner grossen Überraschung stellte sich heraus, dass bereits Heinleins Roman zahlreiche utopische Elemente enthält. Allerdings ist die Utopie nicht etwa die zivile Gesellschaft – denn über diese erfahren wir so gut wie nichts –, sondern die Johnnies Einheit, die Mobile Infantry. 4 Am Ende erwies sich die Analyse von Starship Troopers als klassische Utopie als so ergiebig, dass ich fast ausschliesslich über den Roman schrieb und kaum noch auf Verhoevens Film eingehen konnte. Und davon wird mein Vortrag «Utopian Soldiers. Robert Heinlein’s Starship Troopers as Utopian Novel» nächste Woche handeln.

Anmerkungen:

  1. Zur Verteidigung des Romans wird immer wieder argumentiert, dass sich der civil service keineswegs auf Militärdienst beschränken würde. Heinlein selbst vertritt diese Ansicht in Expanded Universe. Wie James Gifford, ansonsten ein grosser Bewunderer des Autors, aber nachgewiesen hat, wird diese Einschätzung durch den Roman selbst nicht gestützt. Siehe: Gifford, James: The Nature of «Federal Service» in Robert A. Heinlein’s Starship Troopers. 1996.
  2. Das wirft auch die Frage nach dem Verhältnis von Satire und Utopie auf. Dass die beiden Gattungen eng miteinander verbunden sind, dürfte unbestritten sein. Bislang scheint aber noch niemand diesen Zusammenhang auf grundlegender Ebene untersucht zu haben. Zumindest ist mir kein entsprechender Text bekannt.
  3. Das Buch sollte im Laufe des Jahres erscheinen.
  4. Diese Idee ist keineswegs völlig neu. Phil Gochenour hat sie in seinem Aufsatz «Utopia of Pain: Adolescent Anxiety and Narrative Ideology in Robert A. Heinlein’s Starship Troopers» bereits entwickelt. Allerdings fasse ich das Konzept der Utopie enger als Gochenour.