My First Worldcon

Zur Science Fiction (SF) gehören nicht nur Literatur und Filme, sondern auch das Fandom, die Gruppe der – mehr oder weniger – organisierten Fans. In der Geschichte des Genres spielt das Fandom schon ab den 1930er-Jahren eine wichtige Rolle. In der Sekundärliteratur wird oft hervorgehoben, welch grosse Bedeutung die Fans für die Entwicklung der SF haben. Der Austausch zwischen Produzenten und Publikum ist in der SF traditionell sehr intensiv, viele Autorinnen und Herausgeber entstammen ursprünglich dem Fandom.

Schon früh begannen sich die Fans an sogenannten Cons – Kurzform für Conventions – zu treffen. Die erste Worldcon – die allerdings noch eine reine US-Angelegenheit war – fand 1939 parallel zur Weltausstellung in New York statt. Seither ist das Fandom gewachsen und internationaler geworden, seit geraumer Zeit finden die Worldcons auch regelmässig ausserhalb der USA statt.

Obwohl ich mich seit gut 20 Jahren – es ist tatsächlich schon so lang! –wissenschaftlich mit SF und verwandten Phänomenen beschäftige, kenne ich das Fandom bisher im Grunde nur aus zweiter Hand. Es mag Aussenstehende, die mit SF nichts am Hut haben, überraschen, aber ich selbst betrachte mich nicht als SF-Fan. Wenn man von meiner Mitgliedschaft im Online-Forum scifinet.org, wo ich seit Jahren mit dabei bin, absieht, gehe ich kaum typischen Fan-Aktivitäten nach. Meine einzige Con-Teilnahme beschränkte sich bisher auf einen kurzen, eher zufälligen Besuch am israelischen iCon im vergangenen Jahr. Eine Worldcon-Teilnahme zog ich nie ernsthaft in Betracht.

So wäre es wahrscheinlich auch geblieben, wenn nicht vergangenes Jahr ein Call for Paper für den Academic Track am diesjährigen 75. Worldcon in Helsinki ergangen wäre. Diese wissenschaftliche Tagung innerhalb des Cons stand unter dem Thema «100 Years of Estrangement», Anlass war – einmal mehr – der 100. Geburtstag von Viktor Šklovskijs Aufsatz «Die Kunst als Verfahren». Wie die drei regelmässigen Leser dieses Blogs wissen, habe ich mich in der Vergangenheit ausführlich mit diesem Text auseinandergesetzt, folglich musste ich auch hier was einreichen. Und so kam ich unverhofft zu meinem ersten Worldcon-Besuch.

Ich besuchte auch mehrere Panels des wissenschaftlichen Tracks, bei meinem Besuch in Helsinki stand aber dennoch die eigentliche Convention im Vordergrund. Denn wie wissenschaftliche Tagungen ablaufen, weiss ich mittlerweile, die Con-Welt war dagegen neu für mich. Im Folgenden deshalb einige halbwegs geordnete Worldcon-Eindrücke.

Alle sind willkommen

Das Fandom hat ein sehr ausgeprägtes Selbstverständnis, eine Identität, auf die man stolz ist und die man pflegt. Ein Kernelement ist dabei die Offenheit; niemand soll ausgegrenzt werden, alle – auch und besonders Minderheiten und Randgruppen – sind willkommen. 1 Diese Offenheit wird, so mein Eindruck, auch wirklich gelebt. Nicht nur, dass ich schon am ersten Morgen fast mit George R. R. Martin kollidierte, der trotz Weltruhm und Millionenauflagen auch bloss ein SF-Fan unter vielen war, ein bunteres Publikum als in Helsinki kann man sich kaum vorstellen. Die SF-Fans verstehen sich als Aussenseiter, ja sie zelebrieren dies geradezu. Wie es eine Con-Bekanntschaft formulierte: «We’re all weird». Egal, wie sehr man von vermeintlichen gesellschaftlichen Normen abzuweichen meint, an der Worldcon aus dem Rahmen zu fallen, ist schier unmöglich. Es begann schon vor dem Kongresszentrum, wo ein paar junge Männer im Mad-Max: Fury-Road-Outfit ihre Schmiedekünste vorführten. Und drinnen ging es im gleichen Stil weiter. Auch für Con-Besucher mit Behinderungen wurde gesorgt. Das Access-Desk war stets besetzt, Besucher, die auf Gehhilfen o. ä. angewiesen waren, konnten immer mit Rücksichtsnahme rechnen.

Finnische Schmiede

Finnische Schmiede.

So bunt das Publikum auch war, geographisch schien das Publikum dennoch relativ begrenzt. Offiziell verteilten sich die über 5500 7000 Besucher auf über 60 Länder, mein – zugegeben völlig subjektiver – Eindruck war aber ein anderer. Auf mich wirkte die Con mit Ausnahme einer grossen chinesischen Delegation sehr weiss. Auch Frankreich und Südeuropa schienen mir nicht sonderlich prominent vertreten. 2 Das mag auch mit den hohen Preisen in Finnland zusammenhängen – ein beliebtes Gesprächsthema unter den Con-Besuchen –, andererseits traf ich erstaunlich viele australische Gäste an, für die die Reise nach Finnland nun wirklich kein Pappenstiel ist. Wie gesagt: Das sind sehr subjektive Eindrücke, aber Afrika, Südamerika und weite Teile Asiens schienen mir definitiv nicht sehr präsent.

Breites Programm

SF, wie sie sich am Worldcon präsentierte, beschränkt keineswegs nur auf Literatur und Film. Das Fandom fächert sich vielmehr in unzählige Untergruppen auf. So sprach ich am ersten Abend – an einem Apéro im Rathaus von Helsinki! – mit einem Physiker, der an der Con einen Vortrag über den aktuelle Stand der Marsforschung hielt. Natürlich fragte ich ihn, was er von Kim Stanley Robinsons Mars-Trilogie hält, worauf er mir gestand, dass er nie über Seite 100 hinausgekommen sei. Lesen sei nicht sein Ding, er interessiere sich einfach für die Erforschung des Alls. Diese Haltung scheint mir insofern typisch, als der konkrete Bezugspunkt zur SF (oder zu Fantasy) je nach Fan stark variieren kann. Es gibt Büchernarren, Cosplayer, die sich verkleiden, Sammler, Autoren von Fan Fiction, Filker, die Songs mit SF- und Fantasy-Themen singen, und noch vieles andere. Im Sinne einer Horizont-Erweiterung nahm ich am folgenden Abend an einer Filk-Runde teil, musste aber bald einsehen, dass das eine Facette des Fandoms ist, mit der ich definitiv nichts anfangen kann.

Ein Taschen-Alien und ein Lightsaber

Wichtige Fan-Utensilien.

Generell hat die Worldcon etwas bestätigt, was ich ohnehin schon wusste: Ein grosser Teil der Fandom-Aktivitäten ist mir letztlich fremd. Ich habe durchaus Spass daran, wenn sich jemand aufwendig verkleidet, und ich durchstöbere gerne Bücherstände oder schaue mir Fan-Artikel wie einen Lightsaber oder ein Taschen-Alien an, über ein amüsiertes Betrachten geht es aber selten hinaus. Weder verspüre ich den Drang, eine möglichst vollständige Sammlung von Game-of-Thrones- oder Blade-Runner-Paraphernalien zu besitzen, noch würde ich mir je ein Kostüm basteln (oder wenn, dann nur für einen ganz besonderen Anlass); ja selbst die diversen Special-Editions von Filmen und BluRay-Boxen interessieren mich kaum.

Dennoch war ich – eben im Sinne einer Horizont-Erweiterung – darum bemüht, die Breite des Con-Programms zumindest ansatzweise abzudecken und eine Reihe verschiedener Formate zu erkunden. Unter anderem besuchte ich bewusst mehrere Panels, die das Fandom selbst zum Thema hatten. Das war durchaus interessant, aber mehr aus einer gewissermassen ethnologischen Perspektive, als Illustration, wie das Fandom funktioniert. Inhaltlich direkt angesprochen hat mich wenig.

Auffällig war, dass bei vielen Gelegenheiten die lange Geschichte des Fandoms betont wurde. Dass sich Gruppen und Institutionen ihrer selbst vergewissern, indem sie ihre Traditionen pflegen und die eigene Herkunft herausstreichen, ist nichts Aussergewöhnliches (man ziehe nur etwa die Oscar-Verleihung zum Vergleich heran, bei der fortlaufend die Geschichte Hollywoods beschworen wird). Und dass auch und gerade die SF, die sich vermeintlich mit der Zukunft beschäftigt, einen ausgeprägten Hang zur Nostalgie hat, habe ich schon früher beschrieben. Dennoch war es interessant zu sehen, wie sehr die Worldcon ihre eigene Geschichte pflegt. So gab es ein eigenes – allerdings nicht sonderlich gut besuchtes – Panel zum Sammeln von Worldcon-Memorabilia, und die Hugo-Preisverleihung (dazu gleich mehr) enthielt mehrere Programmpunkte, die ausschliesslich der eigenen Geschichte galten. 3 Für manche Fans ist letztlich das Fandom selbst der Dreh- und Angelpunkt ihres Fan-Daseins. Ganz im Sinne des Fan-Slogans FIAWOL – Fandom is a way of life. 4

Die Hugos

Der Hugo, benannt nach Hugo Gernsback, dem ‹Vater der SF›, ist der wichtigste SF-Preis und wird jeweils von den Worldcon-Teilnehmern in einem zweistufigen Wahlverfahren gewählt. Die Hugo-Preisverleihung war einer der Worldcon-Höhepunkte, weshalb ich natürlich im Publikum sein wollte.

Die meisten sind Preisverleihungen eine öde Sache, die sich ewig hinzieht; etwas Langweiligeres als die Oscar-Verleihung gibt es kaum. Die Hugos stellten für mich diesbezüglich eine positive Überraschung dar. Obwohl ich die grosse Mehrheit der nominierten Werke resp. Autorinnen und Autoren bestenfalls dem Namen nach kannte (die Liste der Gewinner gibt es hier), empfand ich die fast dreistündige Veranstaltung über weite Strecken als kurzweilig und stellenweise sogar als regelrecht berührend (das Segment mit dem japanischen Seun-Preis war allerdings eher mühsam). Hinterher hörte ich zwar von verschiedener Seite, dass das eine der schwächsten Hugo-Verleihungen seit langem gewesen sei, meiner Meinung nach kann sich aber so manche Preis-Zeremonie eine Scheibe von den Hugos abschneiden.

Die Hugo-Verleihung – kurz vor Beginn.

Die Hugo-Verleihung – kurz vor Beginn.

Bekannte Gesichter

Die SF-Welt ist klein, und so erstaunt es nicht, dass ich in Helsinki eine Reihe bekannter Gesichter – oder vielmehr Namen – traf. Neben Leuten wie Farah Mendlesohn, Niall Harrison oder Bodhisattva Chattopadhyay, die ich von früheren Tagungen kannte, war es vor allem eine Gelegenheit, viele deutschsprachige Fans, mit denen ich bislang nur über digitale Kanäle zu tun hatte, erstmals in Fleisch und Blut zu treffen, u. a. SF-Viel-Autor Dirk van den Boom, SF-Herausgeber Hannes Riffel, den SFCD-Vorsitzenden Thomas Recktenwald, Hardy Kettlitz, Nina Horvath, und noch ein paar andere, die mir gerade nicht einfallen. Immer wieder interessant, wenn man Leuten, die virtuell bereits seit Jahren kennt, plötzlich leibhaftig gegenübersteht (und sich beispielsweise in der Vermutung bestätigt sieht, dass Dirk durchaus in der Lage ist, ein Gespräch ganz ohne Proll-Einlage zu führen).

Die kritische Grösse

Was nun folgt, mag auf den ersten Blick dem Vorangegangenen widersprechen, tut es aber nur teilweise – es war für mich schwieriger als erwartet, Anschluss zu finden. Der Grund dafür lag weder daran, dass ich niemanden kannte (s. oben), noch daran, dass die Leute abweisend waren. Im Gegenteil: Eigentlich immer, wenn ich jemanden ansprach, war die Reaktion sehr freundlich. Das Problem war vielmehr die Grösse der Veranstaltung.

Von wissenschaftlichen Tagungen, an denen jeweils kaum mehr als ein drei-, vierhundert Nasen teilnehmen, bin ich es gewohnt, dass man, selbst wenn man im Voraus so gut wie niemanden kennt, spätestens nach zwei Kaffeepausen mit ein paar Leuten Leuten Kontakt geknüpft hat, mit denen man dann im Folgenden die Zeit verbringt; sprich: essen oder des Abends einen trinken geht. An der Worldcon gestaltete sich das deutlich schwieriger. Bei mehreren Tausend Teilnehmern und stets einem Dutzend paralleler Veranstaltungen, ist es nicht ganz einfach, an «seinen Leuten» dranzubleiben.

Kommt hinzu, dass es ganz unterschiedliche Arten von Con-Teilnehmern gibt: Die einen wollen so viele Panels wie möglich besuchen, andere sind auf Souvenir-Jagd, wieder andere führen ihre Kostüme vor oder sind primär aus geschäftlichen Gründen hier; und für einen nicht unbeträchtlichen Teil Alteinessessener geht es eben vor allem darum, alte Freunde zu treffen. Für einen einzelnen Besucher wie mich, der keinen klaren Fokus hat, der also nicht sofort mit einem Modellbauer oder einem Filk-Sänger über die ausgefeiltesten Details seiner Leidenschaft diskutieren kann resp. will, wird es da schwierig. Wohl nicht zuletzt deshalb war ich schliesslich an mehr akademischen Panels, als ich ursprünglich gedacht hatte – denn hier konnte ich über esoterische Details fachsimpeln.

Wahrscheinlich hört sich das jetzt dramatischer an, als es gemeint ist, denn ich fühlte mich nie einsam oder verloren. Wer zum ersten Mal einen Worldcon besucht, dem empfehle ich aber, in Begleitung hinzugehen.

Zum Schluss

Was bleibt als Fazit? Dass ich nicht dem Con-Fieber erlag, lag zweifellos vor allem an mir und nicht am Anlass. Die Worldcon75 war, soweit ich das beurteilen kann, eine sehr gelungene und äusserst professionell organisierte Veranstaltung. Zwar gab es zu Beginn bei verschiedenen Panels Platzprobleme, die Organisatoren reagierten darauf aber schnell. Ansonsten war der Ablauf in vielerlei Hinsicht vorbildlich. Die Registrierung vollzog sich in Windeseile, die Programm-App war übersichtlicher als bei manchem Filmfestival, es gab viele Helfer, die tatsächlich hilfsbereit waren, disziplinierte Besucher, ein offenes WLAN und für jeden Teilnehmer eine für die ganze Veranstaltungsdauer gültige Fahrkarte für den öffentlichen Verkehr. – Ich werde zwar kaum zu einem regelmässigen Con-Besucher werden, alles in allem aber eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Erwähnte Literatur

Bacon-Smith, Camille: Science Fiction Culture. Philadelphia 2000.

Šklovskij, Viktor: «Die Kunst als Verfahren». In: Striedter, Jurij (Hg.): Texte der Russsischen Formalisten. Bd. 1. Texte zur allgemeinen Literaturtheorie und zur Theorie der Prosa. München 1969, 3–35.

Todorov, Tzvetan: Einführung in die fantastische Literatur. Frankfurt a. M. 1992.

Anmerkungen:

  1. Umso schmerzhafter war die Puppies-Affäre, bei der ein paar rechtsgerichtete Trottel versuchten, ein Zeichen gegen den angeblichen Political-Correctness-Terror zu setzen und die Hugos, den wichtigsten SF-Preis, zu kapern. Diese feindliche Übernahme, die glücklicherweise abgewehrt werden konnte, traf das Fandom an einem zentralen Punkt.
  2. Frankreich stellt möglicherweise einen Sonderfall dar. Das Land, das diesbezüglich eigentlich auf eine lange Tradition zurückblicken kann, ist auch an wissenschaftlichen Konferenzen zu SF und verwandten Themen so gut wie nie vertreten.
  3. Geradezu gerührt war ich vom In-Memoriam-Segment, in dem der im vergangenen Jahr Verstorbenen gedacht wurde. Neben Martin Landau, George Romero, Adam West und diversen anderen war hier tatsächlich auch Tzvetan Todorov aufgeführt. Das entbehrt, nicht einer gewissen Ironie, denn seine Ausführungen zur SF zeugen von kompletter Ignoranz.
  4. Camille Bacon-Smith hat das bereits in ihrer Studie Science Fiction Culture beschrieben.

Vergesst das All – Zu Kim Stanley Robinsons «Aurora»

Erschienen in der Zeitschrift für Fantastikforschung 11, 2016.

Aurora„Es stimmt, die Erde ist die Wiege der Menschheit, aber der Mensch kann nicht ewig in der Wiege bleiben. Das Sonnensystem wird unser Kindergarten.“ (zit. nach Kulke 41) – Dieser Ausspruch des russischen Weltraumpioniers Konstantin Ziolkowski wird in SF-Kreisen gerne zitiert; zuletzt besonders prominent glon Christopher Nolans Interstellar (US/GB 2014), dessen Tagline „Mankind was born on Earth. It was never meant to die here“ unmissverständlich auf Ziolkowskis Diktum anspielt und der entsprechend zeigt, wie die Menschheit mittels Zeitreiseparadoxon und einer gehörigen Portion Vaterliebe sowohl der Wiege als auch dem Kindergarten entwächst und sich in einer fernen Galaxie breitmacht (vgl. Siebeneicher, Spiegel „Nachricht“). Kim Stanley Robinsons jüngster Roman Aurora steht ebenfalls im Dialog mit Ziolkowski. Während Interstellar – und mit ihm ein bedeutender Teil der Weltraum-SF – Ziolkowski aber grundsätzlich folgt und eine Zukunft der Menschheit außerhalb des Sonnensystems entwirft, nimmt Robinson dezidiert die Gegenposition ein. Es wäre nur wenig übertrieben, Aurora als buchlange Widerlegung Ziolkowskis zu bezeichnen. Denn für Robinson besteht kein Zweifel: Die Weiten des Alls sind der Menschheit verschlossen und werden es bis auf Weiteres auch bleiben. Es bleibt uns somit nichts anderes übrig, als uns mit dem Sonnensystem und insbesondere der Erde zu begnügen. 1

Diese Überzeugung mag bei einem Autor erstaunen, dessen bekanntestes Werk – die so genannte Mars-Trilogie Red Mars (1993), Green Mars (1994) und Blue Mars (1996) – in bis dahin nicht gekanntem Detailreichtum das Terraforming des Roten Planeten beschreibt und der somit als Fürsprecher einer Besiedelung des Alls erscheint. Es wäre freilich ein Irrtum, in den Mars-Romanen lediglich ein Plädoyer für die Kolonisierung des Mars zu sehen. Denn trotz aller Faszination für Astronomie und Raumfahrt geht es Robinson hier, aber auch in seinen anderen Büchern, weder um den Weltraum noch um die Zukunft, sondern um das Hier und Jetzt (was letztlich für alle SF gilt). Und dieses Hier und Jetzt macht dem Autor große Sorgen. Robinson ist ein erklärter Kapitalismus-Kritiker, dem insbesondere ökologische Belange am Herzen liegen. 2 In mehreren Artikeln und Interviews, die im Nachgang zu Aurora erschienen sind, sowie im nachstehenden Gespräch mit der ZFF macht Robinson deutlich, 3 dass sein Roman nicht gegen die Erforschung des Weltraums gerichtet ist, sondern vielmehr als Mahnruf gedacht ist: „If we don’t create sustainability on our own world, there is no Planet B“ („What“). Da die technischen – und moralischen – Hürden für die Eroberung des Alls viel zu hoch sind, gibt es für die Menschheit bis auf Weiteres keinen Ort, an den sie entfliehen kann. Folglich bleibt uns nichts anderes übrig, als der Erde Sorge zu tragen. Oder in Ziolkowskis Begriffen: Wenn die Menschen sich nicht um ihre Wiege kümmern, werden sie sie auch nie verlassen können.

Zur Illustration seines Anliegens bedient sich Robinson eines etablierten SF-Motivs – des Generation Starship. Ein Generation Starship oder Generationenschiff ist ein Raumschiff, das während mehrerer Jahrhunderte – eben mehrerer Generationen – im All unterwegs ist; ohne irgendeine Form von FTL-Antrieb stellt dies die einzige halbwegs plausible Möglichkeit dar, Planeten außerhalb des Sonnensystems zu erreichen.

Freilich sind die technischen Hürden auch bei dieser ‚realistischen‘ Variante interstellarer Fortbewegung noch immer gigantisch. Denn ein Generationenschiff muss nicht nur einer genug großen Anzahl von Menschen Platz bieten, sondern vor allem als autarkes Ökosystem funktionieren. Schließlich besteht, ist die Reise einmal begonnen, keine Möglichkeit, unterwegs fehlende Ressourcen aufzuladen – seien es nun Treibstoff, Nahrung oder Verbrauchsteile. Ein entsprechendes Gefährt muss somit riesig sein; im Falle von Aurora besteht das Schiff aus zwei Ringen, die um eine rund zehn Kilometer lange Mittelachse angeordnet sind. Diese Ringe sind wiederum in je zwölf Kompartimente – so genannte Biome – unterteilt, in denen jeweils eine andere Klimazone simuliert wird. Rund 2000 Menschen leben über die verschiedenen Zonen verteilt.

Zu Beginn der Romanhandlung, Anfangs des 28. Jahrhunderts, ist das Schiff bereits seit 159 Jahren unterwegs und mittlerweile seit neun Jahren dabei, seine Geschwindigkeit zu drosseln. Nur noch elf Jahre trennen Schiff und Besatzung von ihrem Ziel, einem erdähnlichen Mond namens Aurora, der einen Planeten im System Tau Ceti umkreist. Nach der langen Reise zeigen sich in der Schiffskonstruktion bereits zahlreiche Ermüdungserscheinungen: Es knarrt und stottert an allen Ecken und Enden, und die Hauptfigur dieses Teils, die Chef-Ingenieurin Devi, hat alle Hände voll zu tun, den Betrieb aufrechtzuerhalten. In für Robinson charakteristischer Weise werden ausführlich die komplizierten
Kreisläufe im Ökosystem des Schiffs beschrieben. Und obwohl Devi eine für Robinson typische kompetente Heldin ist – nicht nur in dieser Hinsicht steht er durchaus in der Tradition Robert Heinleins –, wird bereits Skepsis spürbar, ob es überhaupt möglich ist, ein derart komplexes System über längere Zeit am Laufen zu halten.

Noch gravierender als die technischen Herausforderungen sind allerdings die psychologischen und sozialen. Während der Fahrt gibt es für die Bewohner eines Generationenschiffs kein Entrinnen, und es liegt in der Natur der Sache, dass die Mehrheit der Reisenden unterwegs geboren wird und auch wieder stirbt, ohne den Start oder das Ziel der Reise auch nur gesehen zu haben. Nicht allzu rosige Aussichten, und es ist somit auch nicht erstaunlich, dass es bei den meisten Vertretern dieses Subgenres nicht um das Reiseziel, sondern um die Auswirkungen dieser extremen Bedingungen auf die Besatzung geht. Diese sind oft desaströs: Bei vielen Autoren kommt es zu bewaffneten Konflikten, in deren Verlauf Teile der Infrastruktur zerstört werden. In der Folge zerfällt die soziale Ordnung und Technik und Kultur degenerieren; Ziel und Zweck der Expedition treten immer mehr in den Hintergrund und gehen schließlich vergessen, bleiben nur noch bruchstückhaft, als Teil von mythischen Erzählungen, erhalten.

Simone Caroti spricht in seinem Buch The Generation Starship in Science Fiction von einem „forgetfulness pattern“ (14), das für das Subgenre typisch sei und bereits in Robert Heinleins ursprünglich 1941 in Astounding Science Fiction erschienenen „Universe“ 4, der gemeinhin als Urtext des Subgenres gilt, voll entfaltet ist: Bei Heinlein lebt die Besatzung nach jahrhundertelanger Reise in einem halb barbarischen Zustand und weiß längst nicht mehr, dass sie an Bord eines Raumschiffs lebt; vielmehr halten die Bewohner das Schiff für die gesamte Welt, außerhalb derer nichts existiert. Die Überwindung dieses Irrglaubens, der Teil eines ganzen religiösen Systems ist, steht im Zentrum des Plots. Die Hauptfigur Hugh Hoyland, zu Beginn noch treuer Anhänger des Dogmas, erkennt schließlich die wahre Natur seiner Welt. Wendepunkt ist der Moment, als er von der Schiffsbrücke aus zum ersten Mal das All in seiner ganzen Unermesslichkeit und Sternenpracht sieht. Ein für Hugh erschütterndes Erlebnis, in dem sich ein Moment der Erhabenheit mit einem Conceptual Breakthrough verbindet, also der – meist schlagartigen – Einsicht, dass die Handlungswelt von ganz anderen Gesetzen beherrscht wird als ursprünglich angenommen, „the advent of a paradigm shift in a society’s understanding of their universe“ (Caroti 162).

Für Peter Nicholls, der den Begriff des Conceptual Breakthrough geprägt hat, 5 kommt dem Konzept eine herausragende Bedeutung für die gesamte SF zu; „few sf stories do not have at least some element of conceptual breakthrough“ (Nicholls). Generationenschiff-Romane, die dem Muster von „Universe“ folgen, sind natürlich besonders geeignet für diese Form von Wendepunkt und es ist wohl nicht ganz zufällig, dass Nicholls in seinem Artikel den Generation-Starship-Plot als erstes Beispiel für einen Conceptual Breakthrough anführt.

Verglichen mit „Universe“ aber auch mit dessen direkten Nachfolgern wie Brian Aldiss’ Non-Stop (1956) stellt Robinson das etablierte Muster in mehrfacher Hinsicht auf den Kopf. In Aurora ist allgemein bekannt, wie die Welt beschaffen ist und wohin die Reise geht. Anders als bei Heinlein, der sich in „Universe“ nicht um technische Fragen schert und der Einfachheit halber von einem Raumschiff ausgeht, das sich selber am Laufen hält, liegt der Fokus hier auf den konkreten Schwierigkeiten einer solchen Reise, die von Verschleißerscheinungen über die Folgen eines so kleinen Ökosystems für dessen Bewohner bis zur Frage reichen, welche Herrschaftsform für diese Situation am besten geeignet ist. Die große Pointe des Romans liegt aber darin, dass das Schiff zwar sein Ziel erreicht, dass sich Aurora aber als zur Besiedelung gänzlich ungeeignet erweist. Ein prionen-ähnliches Pathogen dezimiert die Crew, der scheinbar ideale Mond entpuppt sich als feindliches Terrain. Der Erreger steht dabei stellvertretend für Robinsons grundsätzliches Argument: Egal, wie ein potenzieller Siedlungsplanet beschaffen ist, die Chance, ihn erfolgreich zu kolonisieren, ist verschwindend klein; und letztlich sind die Probleme, die bei der Reise auftreten – so groß diese auch sein mögen –, vernachlässigbar gegenüber den Herausforderungen, die einen am Ziel erwarten. Euan, die Figur, die sich als erste mit dem Pathogen infiziert, formuliert es kurz vor seinem Tod folgendermaßen:

What’s funny is anyone thinking it would work in the first place. I mean it’s obvious any new place is going to be either alive or dead. If it’s alive it’s going to be poisonous, if it’s dead you’re going to have to work it up from scratch. I suppose that could work, but it might take about as long as it took Earth. Even if you’ve got the right bugs, even if you put machines to work, it would take thousands of years. So what’s the point? Why do it at all? Why not be content with what you’ve got? Who were they, that they were so discontent? Who the fuck were they? (178)

Der Mensch ist durch seine Biologie an die Erde gebunden, und die Anpassung an fremde Ökosysteme würde Jahrtausende brauchen. Den Protagonisten von Aurora bleibt somit nichts anderes übrig, als wieder umzukehren.

In der SF-Gemeinde hat dieser Ansatz für einigen Wirbel gesorgt. Manche Reaktionen auf den Roman fielen richtiggehend aggressiv aus. Die Tatsache, dass mit Robinson ausgerechnet der elder statesman der Hard SF dem Traum, die Menschheit könne sich in nicht allzu ferner Zukunft im All ausbreiten, die Absage erteilt, wurde im Web und den sozialen Medien nicht von allen goutiert (vgl. z.B. Nicoll; Prisco sowie Baxter, Benford und Miller). 6

Überraschend sind diese Reaktionen nicht, denn Robinson will mit Aurora erklärtermaßen eine Botschaft vermitteln. Unabhängig davon, ob seine Argumentation nun stichhaltig ist oder nicht, ist die Vehemenz, mit der er seine Position vertritt, erzählerisch nicht ganz befriedigend. Dies betrifft insbesondere den sehr selektiven wissenschaftlich-technischen Fortschritt in der Welt des Romans. Zwar gib es eine künstliche Intelligenz mit beachtlichen Fähigkeiten (dazu später mehr) und 3D-Drucker, welche die Herstellung von praktisch jedem Objekt ermöglichen, in anderen Bereichen scheint das 27. und 28. Jahrhundert von Aurora aber nur unwesentlich weiter fortgeschritten als unsere Gegenwart. Der mancherorts erhobene Vorwurf, dass Robinson mit gezinkten Karten spiele und alles so arrangiert habe, dass seinen Protagonisten gar nichts anderes übrig bleibt als die Rückkehr zur Erde, ist nicht ganz von der Hand zu weisen (vgl. Benford). Dies umso mehr, als es dem Teil der Mannschaft, der sich schließlich zur Rückkehr entschließt – der Rest bleibt mit der Hälfte des Schiffs zurück –, im entscheidenden Moment gelingt, ein Verfahren zu Kryokonservierung zu entwickeln, dank dessen ein großer Teil der Rückreise im Kälteschlaf absolviert werden kann. 7

An dieser Stelle soll aber nicht interessieren, inwieweit Robinsons Plädoyer gegen die Eroberung des Alls überzeugt. Stattdessen liegt mein Augenmerk darauf, wie er mit etablierten Mustern des Generation-Starship-Romans spielt und sie neu interpretiert. Auf den ersten Blick erscheint Aurora als regelrechte Antithese zum klassischen Muster à la Heinlein. Zwar werden an Bord des Schiffs – wohl als Folge des kleinen Genpools – gewisse Degenerationserscheinungen wie schrumpfende Körpergrößen und zusehends Absinken des durchschnittlichen IQs – beobachtet, das Abdriften in einen unzivilisierten Zustand droht aber vorerst nicht. Carotis „forgetfulness pattern“ scheint abwesend, denn Start und Ziel der Reise sind ja bekannt.

Dass sich Robinson der Tradition des Motivs sehr wohl bewusst ist, illustriert eine Episode, in welcher der typische Conceptual Breakthrough im Kleinen inszeniert wird. In den verschiedenen Biomen leben die Menschen nicht nur entsprechend den meteorologischen Bedingungen, sondern haben teilweise auch sehr eigene Gesellschaftsformen entwickelt. Besonders extrem ist eine „yurt community that brought up their children as if they were Inuit or Sami, or for that matter Neanderthals“ (61). Wie die Figuren bei Heinlein oder Aldiss wachsen die Kinder in primitivsten Verhältnissen auf, ohne zu wissen, dass sie sich auf einem technisch hoch entwickelten Schiff befinden. Dies erfahren sie erst im Rahmen eines dramatischen Initiationsritus:

Then, during their initiation ceremony around the time of puberty, these children were blindfolded and taken outside the ship in individual spacesuits, and there exposed to the starry blackness of interstellar space, with the starship hanging there, dim and silvery with reflected starlight. (61)

Bei der Beschreibung dieses Rituals, das für den Einzelnen zweifellos einen Conceptual Breakthrough darstellt, bemüht Robinson wie bereits Heinlein zahlreiche Topoi des Erhabenen – die Unermesslichkeit des Alls, das Versagen der Sprache, ein existenzieller, ja fast todesähnlicher Schock angesichts der schieren Unfassbarkeit dessen, was sich dem Auge plötzlich darbietet (vgl. zum Erhabenen in der SF Spiegel, Konstitution 275–80). In dieser Szene spielt Aurora das „forgetfulness pattern“ und den damit verbundenen Conceptual Breakthrough gewissermaßen en miniature durch, aber tatsächlich gehen die Parallelen mit den Klassikern noch weiter. Dies zeigt sich vor allem in der Bedeutung von Tradierung und Erinnerung für den Roman. Denn das „forgetfulness pattern“ ist im Grunde nur Ausdruck dafür, wie wichtig Überlieferung für das Subgenre ist. Generationenschiffe haben das inhärente Problem, dass sich die Verbindung zur Ursprungswelt im Laufe der Reise immer mehr abschwächt. Ab einem gewissen Punkt fühlen sich die Reisenden, die alle auf dem Schiff geboren wurden, ihrem Herkunftsplaneten, den sie nur aus Aufzeichnungen kennen, kaum mehr verpflichtet, womit auch das ursprüngliche Ziel der Mission seine Relevanz verliert. Aus Sicht derer, die das Projekt initiieren, ist es deshalb von großer Bedeutung eine Tradierungsinstanz zu installieren. In „The Voyage That Lasted 600 Years“ von Don Wilcox, einem frühen Vertreter des Subgenres von 1940, auf den Caroti ebenfalls eingeht, gibt es beispielsweise einen „Keeper of the Traditions“, der alle 100 Jahre aus dem Kälteschlaf geweckt wird, um nach dem Rechten zu sehen, sprich: bei Bedarf wieder die ursprüngliche Ordnung zu etablieren.

Die Amazing-Stories-Ausgabe, in der Wilcox‘ Erzählung erstmals erschien.

Die Frage der Überlieferung ist aber auch in erzählerischer Hinsicht relevant, denn bei einer Reise, die mehrere hundert Jahre dauert, stellt sich die Frage nach dem Fokalisationspunkt, der Perspektive, von der aus die Handlung erzählt wird. Einer Figur wie dem Keeper of the Traditions kommt dabei nicht nur innerhalb der Handlungswelt, sondern auch narrativ eine wichtige Bedeutung zu, denn sie ermöglicht es, selbst unmenschlich lange Zeiträume aus der Sicht der gleichen Figur zu erzählen. 8 Eine andere Variante, die lange Zeitspanne zu überbrücken, wählen Heinlein und Aldiss, bei denen die Vorgeschichte von den Protagonisten allmählich rekonstruiert wird. In beiden Fällen ist es das Logbuch eines früheren Kapitäns – also ein klassisches Chronisten-Medium –, das wichtige narrative Lücken schließt und die nötige Kontinuität schafft.

Aurora zeigt noch einmal eine andere Variante: Die Rolle des Keeper of the Traditions kommt hier dem Bordcomputer zu, einer künstlichen Intelligenz, die sich selbst als Ship bezeichnet. Ship erhält zu Beginn von Devi den Auftrag, als Chronist zu fungieren und die Geschichte der Reise zu erzählen. Mit diesem Erzähler kann die ganze Reise abgedeckt werden – inklusive des Rückflugs, den die menschliche Besatzung die meiste Zeit im Kälteschlaf verbringt.

Die AI ist von dem für sie ungewohnten Auftrag allerdings erst einmal überfordert. Statt zu erzählen, referiert der Computer ausführlich technische Details oder listet die Namen der Besatzungsmitglieder auf. Devis Anweisungen – „Make an account. Tell the story“ (47), „Get to the point“ (49) – sind zwar nicht sehr hilfreich, dennoch wird Ship mit der Zeit aber ein immer gewiefterer Erzähler.

Im Verlauf der Handlung wird Ship dann immer selbstbewusster, bis es schließlich im Moment der Krise, als der Streit darüber, ob man auf Aurora ausharren oder zur Erde zurückkehren soll, zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führt, eingreift und damit vom Erzähler zum Akteur avanciert. Ship übernimmt die Kontrolle, installiert sich als neue Herrschaftsinstanz und zwingt die verfeindeten Lager dazu, sich friedlich zu einigen. Obwohl es in erster Linie darum bemüht ist, den Frieden zu wahren, wird Ship damit dennoch zu einer Art Keeper of the Traditions, verhindert es doch ein Abrutschen in die Barbarei.

Indem Ship zu verstehen versucht, was es bedeutet, eine Geschichte zu erzählen, und darin immer souveräner wird, erhält der Roman eine stark selbstreferenzielle Ebene. Die Passagen, in denen der Erzähler mit seiner Aufgabe hadert und beispielsweise darüber sinniert, dass die ihm bekannten Kompressionsalgorithmen – seien diese nun verlustfrei oder verlustbehaftet – bei seiner Rolle als Chronist wenig wert sind, sind zudem äußerst witzig. Im Erzählen gewinnt die AI auch immer mehr Persönlichkeit, während die menschlichen Protagonisten eher blass bleiben. Das gilt auch für Freya, Devis Tochter, die Ship als Fokalisationspunkt wählt, nachdem ihm Devi geraten hat, bei seinem Bericht einem Besatzungsmitglied zu folgen (mit dem Schiff als Erzähler kann Robinson zudem jederzeit von einer personalen, an Freya ausgerichteten Erzählperspektive zu einem quasi-allwissenden Erzähler wechseln). Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die berührendste Szene des Romans nicht etwa Freyas Aussöhnung mit dem ihr völlig fremden Planeten Erde ist, den sie nach schwieriger Rückreise endlich erreicht, sondern der ‚Tod‘ von Ship, das, nachdem es seine menschliche Fracht heil ans Ziel gebracht hat, zu nahe an der Sonne vorbeifliegt und verglüht.

Die Parallelen zu dem von Caroti beschriebenen Muster gehen aber noch weiter. Einer der großen Wendepunkte des Romans ist der Moment, als Ship auf Freyas Drängen offenbart, dass ursprünglich zwei Schiffe unterwegs nach Aurora waren. Das Schwesterschiff wurde aber nach 68 Jahren Reise zerstört; die Gründe hierfür sind nicht restlos geklärt, wahrscheinlich waren kriegerische Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen Fraktionen an Bord die Ursache. Auch bei Robinson führt das Setting des Generationenschiffs somit fast zwangsläufig zu unkontrollierter Gewalt. Zentraler Konfliktpunkt war in beiden Schiffen die Maximalgröße der Population und damit verbunden die Frage, wer wie viele Kinder haben darf. Dies führte zu bewaffneten Konflikten mit zahlreichen Toten, der aber in einem Schiff wahrscheinlich noch schneller und dramatischer eskalierte.

Als Reaktion auf diese Katastrophe raufte sich die Besatzung des überlebenden
Schiffs zusammen und führte ein System repräsentativer Demokratie sowie zahlreiche neue Sicherheitsmaßnahmen ein; so sind die 3D-Drucker des Schiffs seither nicht mehr in der Lage, funktionsfähige Waffen herzustellen. Aber auch die AI wurde mit neuen Kompetenzen und Aufgaben versehen. Von nun an war es an ihr, eine erneute Katastrophe zu verhindern. Dass Ship so resolut in den neuen Konflikt eingreift, ist die direkte Folge dieser Neuprogrammierung.

Neben diesen Vorkehrungen, die eine totale Eskalation in Zukunft verhindern sollte, einigte man sich zudem auf einen Aussöhnungsprozess, der unter anderem ein „structured forgetting“ umfasste:

At that time, it was agreed that the vulnerability of the ship to destruction by a single person was so great, that just knowing it had happened created the danger of someone committing what they called a copycat crime, perhaps when mentally deranged. […] It was also agreed to erase all records of the other starship from accessible files, and to avoid telling the children of the next generation about it. This proscription was generally followed, although we noted that a few individuals conveyed a verbal account of the incident from parent to child. (235f.)

Das klassische Muster wird somit umgedreht: Das „forgetfulness pattern“, das bei Heinlein Folge des zivilisatorischen Niedergangs ist, wird bei Robinson zum bewussten Akt und zum Garanten für ein konfliktfreies Zusammenleben. In beiden Fällen handelt es sich dabei um verbotenes Wissen, welches sich die Protagonisten mühsam erkämpfen müssen. Ship weigert sich zuerst standhaft, Freya aufzuklären, und lüftet das Geheimnis nur zögerlich.

Zwar ist es längst ein Klischee, in jedem halbwegs interessanten Roman eine narrative Meta-Reflexion zu sehen, aber Aurora ist mindestens so sehr ein Buch über das Wesen des Erzählens wie über die Unmöglichkeit der interstellaren Raumfahrt. Schließlich geht es beim „forgetfulness pattern“ ebenfalls um die Bedeutung des Erzählens. Eine Gesellschaft definiert sich durch Tradierung, durch das Weitergeben – oder eben das Vergessen – von Geschichten. Nicht anders beim einzelnen Menschen: Wer wir sind, unser individuelles Wesen, ist in hohem Maße durch unsere persönliche Geschichte bestimmt; durch die Dinge, an die wir uns erinnern und weitererzählen, durch die Lebenserzählung, die jeder für sich selber verfertigt. Auch Ship ist die Summe seiner eigenen Erzählung, einer Erzählung, die mit der Katastrophe des Jahres 68, also just dem Ereignis, das die Besatzung des Schiffes vergessen will, ihren Anfang nimmt, und mit Devis Auftrag, die Geschichte ihrer Reise zu erzählen, dann Form erhält. Und im Erzählen wächst Ship allmählich zu einer Persönlichkeit heran, mit der wir als Leser eine emotionale Bindung aufbauen können.

Mit Aurora hat Kim Stanley Robinson einen Roman geschrieben, der den bekannten Generation-Starship-Plot neu interpretiert. Dass er das Motiv des
Generationenschiffs quasi gegen sich selbst richtet und als Beweis dafür anführt, dass uns die Weiten des Alls für lange Zeiten verschlossen sein werden, ist trotz möglicher Einwände ein faszinierendes Manöver. Fast noch interessanter scheint mir aber, wie er die Figur von Ship nutzt, um über den Akt des Erzählens nachzudenken.

Robinson, Kim Stanley. Aurora. New York: Orbit, 2015. 528 Seiten, Softcover. 8,99 €. Erhältlich bei Amazon.

Zitierte Werke

Aldiss, Brian. Non-Stop. 1956. Pan Books: London, 1976.

Baxter, Stephen, James Benford und Joseph Miller. „A Science Critique of Aurora by Kim Stanley Robinson“. Centauri Dreams. 14.08.2015. Web. 05.08.2016. <http://www.centauri-dreams.org/?p=33838>.

Benford, Gregory. „Envisioning Starflight Failing“. Centauri Dreams. 31.07.2015. Web. 05.08.2016. <http://www.centauri-dreams.org/?p=33736>.

Canavan, Gerry und Kim Stanley Robinson, Hg. [easyazon_link identifier=“0819574279″ locale=“DE“ tag=“utopia2016-21″]Green Planets. Ecology and Science Fiction[/easyazon_link]. Middletown: Wesleyan UP, 2014.

Caroti, Simone. The Generation Starship in Science Fiction: A Critical History, 1934–2001. Jefferson: McFarland, 2011.

Haeselin, Dave. „Earth First, then Mars: An Interview with Kim Stanley Robinson“. Public Books. 15.06.2016. Web. 05.08.2016. <http://www.publicbooks.org/interviews/earth-firstthen-mars-an-interview-with-kim-stanley-robinson>.

Heinlein, Robert A. Orphans of the Sky. New York: New American Library, 1965.

Kulke, Ulli. Weltraumstürmer: Wernher von Braun und der Wettlauf zum Mond.Köln: Quadriga, 2012.

Nicoll, James Davis. „Review of Aurora“. 08.12.2015. Web. 05.08.2016.
<http://jamesdavisnicoll.com/review/there-was-one-yurt-community>.

Nicholls, Peter. „Conceptual Breakthrough“. The Encyclopedia of Science Fiction. 22.05.2016. Web. 05.08.2016. <http://sf-encyclopedia.com/entry/conceptual_breakthrough>.

Prisco, Giulio. „Yes, Mr. Robinson, We Can Go To The Stars“. Hacked. 20.07.2015. Web. 05.08.2016. <https://hacked.com/yes-mr-robinson-can-go-stars>.

Robinson, Kim Stanley. „What Will It Take for Humans to Colonize the Milky Way?“ Scientific American. 13.08.2015. Web. 05.08.2016. <http://www.scientificamerican.com/article/ what-will-it-take-for-humans-to-colonize-the-milky-way1/>.

—. „Our Generation Ships Will Sink“. boingboing.net. 16.11.2015. Web. 05.08.2016. <http://boingboing.net/2015/11/16/our-generation-ships-will-sink.html>.

Siebeneichner, Tilmann. „Interstellar. Wiedergeburt im Weltraum: Zukunftsvorstellungen seit dem späten 20. Jahrhundert“. Zeitgeschichte-Online. März 2016. Web. 05.08.2016.
<http://www.zeitgeschichte-online.de/film/interestellar>.

Spiegel, Simon. Die Konstitution des Wunderbaren. Zu einer Poetik des Science-Fiction-Films. Marburg: Schüren, 2007.

—. „Nachricht von Papi“. Das Science Fiction Jahr 2015. Hg. Hannes Riffel und Sascha Mamczak. Golkonda: Berlin, 2105. 323–33.

Strahan, Johnathan. Coode Street Podcast. 27.06.2015. Web. 05.08.2016.
<http://jonathanstrahan.podbean.com/e/episode-238-kim-stanley-robinson-and-aurora-1435391798>.

Wilcox, Don. „The Voyage That Lasted 600 Years“. 1940. Amazing Stories. 2014. Web. 05.08.2016. <http://amazingstoriesmag.com/articles/voyage-lasted-600-years/>.

Anmerkungen:

  1. Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass Robinson eine tiefe Abneigung gegenüber Nolans Film hegt; vgl. zum Beispiel seine Aussage im Coode Street Podcast, wo er Interstellar als „really dumb movie“ bezeichnet (Strahan, Episode 328, 35:30).
  2. Robinson behandelt nicht nur in seinen Romanen immer wieder ökologische Themen, sondern hat u.a. gemeinsam mit Gerry Canavan als Herausgeber des Bandes Green Planets fungiert, dessen Beiträge sich mit Ökologie und SF beschäftigen.
  3. Vgl. u.a. Robinson, „What“, „Our“; Haeselin.
  4. Auf die Veröffentlichung von „Universe“ im Mai 1941 folgte im Oktober die Fortsetzung „Common Sense“. Die beiden Kurzromane wurden später gemeinsam unter dem Titel Orphans of the Sky veröffentlicht. Siehe zu den beiden Texten ausführlich Caroti 98–119. Caroti geht auch auf eine Reihe von Vorgängern ein, betont aber die zentrale Rolle von Heinlein für das Subgenre (sowie für die SF-Literatur im Allgemeinen).
  5. Der Begriff des Conceptual Breakthrough wurde von Nicholls ursprünglich 1979 in derErstausgabe der Encyclopedia of Science Fiction geprägt. Auch in der aktuellen Online-Ausgabe des Nachschlagewerks wird dem Konzept eine zentrale Rolle innerhalb der SF zugestanden (vgl. auch Spiegel, Konstitution 243–56).
  6. Alle drei Artikel nehmen in unterschiedlich detaillierter Weise die technischen Prämissen des Romans unter die Lupe. Insbesondere Nicoll sowie das Autorentrio um Stephen Baxter kommen dabei zu einem nicht sehr freundlichen Urteil. Letztere schreiben „in many instances it [Aurora] lacks the supporting credible scientific and technical detail required to make its polemic case that human interstellar travel is impossible. The journey is not plausible, and nor is the destination“. Für Nicoll gehört Aurora schlicht in die Kategorie „Books with Idiot Plots“.
  7. Damit wird auch ein Teil von Robinsons Argumentation hinfällig. Robinson hält das Konzept des Generationenschiffs unter anderem deswegen für unmoralisch, weil die Menschen, die auf dem Schiff geboren werden, nicht wählen konnten, ob sie diese Herausforderung auf sich nehmen wollen. Dank Kälteschlaf könnte die erste Generation aber die ganze Hinreise absolvieren, das Generationenschiff würde überflüssig.
  8. Robinson wählt in der Mars-Trilogie ein ähnliches Mittel: Dank einer zu Beginn entdeckten Langlebigkeitskur können seine Figuren mehrere hundert Jahre alt werden, was es ihm erlaubt, lange ökologische und politische Prozesse stets aus der Sicht der gleichen Figuren zu erzählen

Filmreihe «Big Data» im Kino Xenix

Im von mir hoch geschätzten Zürcher Programmkino Xenix begann gestern ein Science-Fiction-Filmzyklus, an dessen Konzeption ich fleissig mitgeholfen habe. Unter dem Titel Big Data widmet sich sne Reihe dem Thema der digitalen Überwachung im SF-Film (sowie in einigen Dokumentarfilmen). Ausführlicheres zum grösseren Zusammenhang der Filme findet sich im offiziellen Begleittext, den ich für das Programmheft geschrieben habe. An dieser Stelle möchte ich nur auf einige filmische Perlen eingehen, die mir besonders am Herzen liegen.

2001: A Space Odyssey

Zu Stanley Kubrick Meisterwerk hat John Lennon schon das Wesentliche gesagt: «The movie should be shown in a temple 24 hours a day».

2001: A Space Odyssey

«I don’t like to talk about 2001 much, because it’s essentially a non-verbal experience.» – Stanley Kubrick.

 

Phase IV

Saul Bass dürfte Filmliebhabern vor allem als Gestalter von Filmvorspannen bekannt sein; berühmt ist seine Zusammenarbeit mit Alfred Hitchock (ein Titelsequenzen-Best-of gibt es auf YouTube). Bass hat aber auch die Logos von Grosskonzernen wie AT&T oder United Airlines oder Werbeplakate für Stanley Kubrick Horrorklassiker The Shining entworfen. Phase IV ist sein einziger Kinofilm und typisches Beispiel für einen hochinteressant verunglückten Film. Der Film handelt von intelligenten Ameisen, die Finsteres im Schilde führen. In Sachen Plot und Schauspiel weist er offensichtliche Schwächen auf. Was ihn dennoch sehenswert macht, ist, wie Bass die Ameisen inszeniert. Denn anders als beispielsweise in Them!, in dem Riesenameisen auftreten, handelt es sich bei den Krabbeltieren in Phase IV um ganz normale Insekten. Durch Makroaufnahmen, geschickte Beleuchtung und Schnitt sowie dramatische Musik, erzeugt der Film aber den Eindruck, dass die kleinen Biester tatsächlich etwas im Schilde führen (in Die Konstitution des Wunderbaren behandle ich den Film eingehend). Phase IV war bei Erscheinen ein Flop, hat mittlerweile aber einen gewissen Kultstatus erlangt. Während Jahren war er allerdings nicht auf DVD verfügbar und im Kino ist er ohnehin kaum je zu sehen. Also eine seltene Gelegenheit, sich den Film mal auf grosser Leinwand zu Gemüte zu führen.

Die Ameisen führen was im Schilde.

Welt am Draht
Rainer Werner Fassbinder dreht The Matrix – bloss ein Vierteljahundert früher. Als Slogan ein wenig zugespitzt, aber vom Prinzip her durchaus richtig. Fassbinders Verfilmung des Romans Simulacron-3 von Daniel F. Galouye nimmt in der Tat wesentliche Elemente des Wachowski-Films vorweg. Der Fernseher-Zweiteiler ist nicht nur interessant, weil die Kombination von SF-Themen mit dem für Fassbinder charakteristischen theatralischen Stil ziemlich ungewöhnlich ist, in dem Film trumpft auch Fassbinders langjähriger Kameramann, der unlängst verstorbene Michael Ballhaus, auf. Es wimmelt nur so von Spiegeln, Kreisbewegungen und anderen visuellen Highlights. Besondere Beachtung verdient auch die Tonspur (auf die ich in meinem Buch ebenfalls ausführlich eingehe). Welt am Draht war ebenfalls lange nicht greifbar, mittlerweile gibt es aber eine schöne rekonstruierte Fassung (deren Herstellung Ballhaus überwachte).

Welt am Draht

Nicht sehr entspannt im Cyberspace.

TRON

Walt Disney war Ende der 1970er ein ziemlich verschlafenes Studio, das nicht mehr in der Lage schien, etwas Originelles zu schaffen; TRON sollte die Wende bringen. Regisseur Steven Lisberger wollte nichts weniger als den ersten Kinofilm, der im grossen Stil Computeranimationen einsetzte. Es kam dann sehr anders: Die Technik erwies sich als weitaus weniger fortgeschritten als ursprünglich angenommen, so dass am Ende nur an ausgewählten Stellen digitale Animationen verwendet wurden. Um den speziellen Computerspiele-Look zu erreichen, ersann man bei Disney stattdessen einen unglaublich aufwendigen analogen Prozess, der viel Handarbeit verlangte und die Kosten in die Höhe trieb. Das Ergebnis war ein veritabler Flop, der fast den Ruin von Walt Disney bedeutet. Auch wenn der Plot ziemlich hohl ist, visuell ist TRON einzigartig.

TRON

Ein seltener Blick ins Innere eines Computers.

Die Reihe Big Data läuft bis Ende Mai. Details auf der Website des Xenix.

Die Faszination von Zeitreisen

Etwas verspätet aber dennoch: Die geschätzte Brigitte Häring spricht mit mir in der Sendung Kontext auf Radio SRF 2 Kultur über Zeitreisen im Allgemeinen sowie über Back to the Future im Speziellen. Dazwischen geht es um John Wrays Roman The Lost Time Accidents (dt. Das Geheimnis der verlorenene Zeit).

Mary, Doc Brown und der DeLorean

„The way I see it, if you’re gonna build a time machine into a car, why not do it with some style?“ – Der DeLorean DMC-12.

 

Die offizielle Website zur Radiosendung.

Mein Beitrag zum Seismograph 2017

Die Volkshochschule Basel führte vergangenen Samstag, 1. April, erstmals die Veranstaltung Seismograph durch, ein, wie es die VHS nennt, «Laboratorium für Gedankenausschläge».

Thema des Anlasses war «Die Welt von morgen – Prognosen. Utopien. Science Fiction», und mir kam die Aufgabe zu, dazu eine kleine Auslegeordnung zu präsentieren.

Das vollständige Seismograph-Programm gibt es hier.

Prix Pathé

Meldung im Tages-Anzeiger

Wenn Filmjournalisten über ihre Kollegen schreiben.

Wer mir auf Twitter oder Facebook folgt, weiss es schon, den zweieinhalb Nasen, die das nicht tun und dennoch meinen Blog lesen, sei es hiermit stolz kundgetan: Wie gestern an der Pressekonferenz der Solothurner Filmtage bekannt gegeben wurde, habe ich den «Prix Pathé – Preis der Filmpublizistik» 2017 in der Kategorie «Grand prix» gewonnen. Ausgezeichnet wurde meine im Filmbulletin erschienene Spoiler-Kolumne «Die Dramaturgie des Realen» zu Marcel Gislers Electroboy.

Der Preis freut mich natürlich sehr; nicht zuletzt, weil damit auch das Filmbulletin und dessen Chefredakteurin Tereza Fischer geehrt wird. Der Prix Pathé wird seit 2006 vergeben, just die Zeitschrift, die in der Schweiz synonym für gehobene Filmpublizistik steht, war bislang aber aus nicht recht nachvollziehbaren Gründen vom Preis ausgeschlossen. Für die aktuelle Ausgabe wurde das Reglement nun angepasst – mit Erfolg!

Die offizielle Verleihung findet am 25. Januar 2017 im Rahmen der Solothurner Filmtage statt.

«Die Dramaturgie des Realen» als PDF.

Die anti-elitäre Rebellion

Dass im Kino Dystopien derzeit überaus beliebt sind, positive Entwürfe dagegen Mangelware bleiben, wird oft damit erklärt, dass das Medium Film hier lediglich als Spiegel der aktuellen politischen Misere fungiere. Wie ich an dieser Stelle schon mehrfach ausgeführt habe, halte ich diese These für weniger überzeugend; 1 die Popularität von Dystopien hat in meinen Augen andere Gründe. Was sich allerdings nicht abstreiten lässt, ist, dass die Welt seit letzter Woche deutlich dystopischer geworden ist. So dystopisch, dass ich mich ausnahmsweise zu einem tagespolitischen Kommentar genötigt fühle.

Zu Trump selbst möchte ich hier nicht viel schreiben. Dass seine Wahl eine Katastrophe ist und dass sich die USA auf eine gesellschaftspolitische Eiszeit gefasst machen können, in der es Minderheiten aller Art noch schwieriger haben dürften, während rassistische Gruppierungen fröhliche Urständ feiern, sollte jedem denkenden Wesen klar sein. Was Trumps Wahl aussenpolitisch bedeutet, ist zwar schwer abzuschätzen, Gutes ist von ihm aber kaum zu erwarten. Noch übler ist freilich, dass Trump selbst wahrscheinlich das kleinere Problem ist im Vergleich zu dem Gruselkabinett, das er um sich herum versammelt hat.

Thema dieses Eintrags soll aber nicht Trump sein, sondern die ziemlich absurde Diskussion über reale und vermeintliche Eliten, die mit seiner Wahl eingesetzt hat. Überall lesen wir nun, dass in dieser Wahl ein anti-elitärer Impuls sichtbar wurde. Die Eliten sind in ihren Blasen  (Elfenbeintürme sind nicht mehr in) derart abgekapselt, dass sie den Kontakt mit dem einfachen Wahlvolk verloren haben und deshalb nicht kommen sahen, was kommen musste. Dieser Schluss zieht sich quer durch die Medien und die politischen Lager, Nassim Nicholas Taleb und Adrian Daub vertreten ihn ebenso wie Rudolf Strahm oder Bernie Sanders (s. Clip). Der Tenor ist eindeutig: Die Elite muss sich wieder den Sorgen des kleinen Mannes (nicht so sehr jener der kleinen Frau) zuwenden. Aber nichts dergleichen geschieht, die Elite zeigt sich vielmehr borniert, die Intellektuellen wollen einfach nicht verstehen.

An dieser Interpretation scheint mir nur etwas korrekt: Ich habe in der Tat Mühe zu verstehen, warum «Joe Sixpack from Main Street» von der Mauer an der Grenze zu Mexiko mehr profitieren soll als von der Anhebung des Mindestlohns, wie Clinton ihn gefordert hat. Aber wahrscheinlich liegt das eben daran, dass ich ein elitärer Sack bin. Ansonsten ist an dem Befund so ziemlich alles falsch, nicht zuletzt, dass mit dem magischen Wort «Elite» wahlweise sehr unterschiedliche Dinge bezeichnet werden. Mal ist damit das demokratische Establishment um Clinton gemeint, dann wieder die Führungsriege der Republikaner, mal die genderistisch-feministische Weltverschwörung, mal Demoskopen, dann wieder einfach die da oben oder auch schlicht Intellektuelle jeder Couleur. Peter Schneider trifft es mit seiner Feststellung: «Die bösen Eliten sind immer andere.»

Obwohl der anti-elitäre Reflex nun allerseits als Erklärung rumgereicht wird, scheint mir dieser als Hauptgrund für den Wahlausgang nicht sonderlich plausibel. Damit will ich keineswegs abstreiten, dass es diese anti-elitäre Haltung gibt und dass sie in den USA mancherorts noch ausgeprägter ist als in unseren Breitengraden. Wofür ich aber wenig Anhaltspunkte sehe, ist, dass es sich hierbei um eine Neuerscheinung handelt. Vor allem deutet wenig darauf hin, dass es tatsächlich ein neuartiger anti-elitärer Furor war, der zum Wahlergebnis geführt hat. Die folgende Graphik welche die Wahlergebnisse der letzte drei Präsidenschaftswahlen in absoluten Zahlen darstellt, ist diesbezüglich sehr erhellend: 2

Die Ergebnisse der letzten drei Präsidenschaftswahlen im Vergleich.

Die Ergebnisse der letzten drei Präsidenschaftswahlen im Vergleich.

Etwas springt bei dieser Zusammenstellung ins Auge: Nicht nur hat Clinton Trump in absoluten Zahlen geschlagen, dieser hat insgesamt kein sonderlich überragendes Ergebnis eingefahren. Trump macht rund 300’000 Stimmen mehr als Mitt Romney vor vier Jahren und etwas über 1,3 Millionen mehr als McCain 2012; zweifellos eine Steigerung, aber keine dramatische. Ganz anders sieht es bei Clinton aus: Sie hat massiv schlechter abgeschnitten als Obama 2008 (sieben Millionen Stimmen Differenz) und immer noch deutlich schlechter als dieser 2012 (fast 3,5 Millionen weniger). Auf den Punkt gebracht heisst dass, dass es nicht Trump war, der die Wahl glorios gewonnen hat. Vielmehr hat Clinton im Vergleich zu Obama deutlich verloren.

Das Gerede vom Aufschrei der durch Political Correctness und andere Bevormundung gegängelten weissen Mittelschicht verliert dadurch einiges an Plausibilität. Trump gelang es ganz offensichtlich nicht, im grossen Stil neue Wählerschichten anzusprechen, er konnte im Wesentlichen jene Gruppen halten, die auch schon früher republikanisch wählten. Das Ergebnis zeigt deutlich, dass die über drei Millionen Wähler, die Clinton gegenüber Obama eingebüsst hat, nicht ins Trump-Lager wechselten. Es gab keinen Massenexodus von der elitären Clinton zum anti-elitären Trump. Es sieht vielmehr danach aus, als seien viele potenzielle Clinton-Wähler der Urne einfach ferngeblieben. 3

Zweifellos ist dieser Befund wenig schmeichelhaft für Clinton; die anti-elitäre Dynamik, die Horden wütender weisser Wähler (was für eine schöne W-Alliteration!), die allerorten beschrieben werden, sind aber eine Illusion oder zumindest nichts Neues. Einen spürbaren Einfluss auf Trumps Ergebnis hatten sie nicht. Oder noch einmal anders: Wenn diese Dynamik tatsächlich wirksam war, dann primär negativ – als Abstrafung der «abgehobenen Insiderin» Clinton. Hätte sie sich positiv auf den Aussenseiter Trump ausgewirkt, hätte dieser in absoluten Zahlen ein deutlich besseres Ergebnis erreicht.

Clinton war offensichtlich die falsche Kandidatin, ihr Image zu schlecht, um Trump zu schlagen (dass hier Sexismus eine zentrale Rolle gespielt haben dürfte, sei nur am Rande erwähnt). Die These von der neu erwachten anti-elitären Bewegung, ist dagegen Unsinn. Trump konnte auf das republikanische Lager zählen und hatte zudem das Glück, dass ihm eine äusserst unpopuläre Opponentin gegenüberstand. Für beide Seiten dürfte aber wohl gelten, dass ein/e weniger umstrittene/r Gegenspieler/in für ein viel deutlicheres Ergebnis gesorgt hätte.

Die Eigenheiten des Elektorensystem sorgen dafür, dass es für Clinton gereicht hätte, wenn sie nur an ein paar entscheidenden Orten mehr Wähler an die Urne gebracht hätte. Dann würden wir heute ganz andere Wahlanalysen lesen: Von einer schallende Ohrfeige für Demagogen wäre dann die Rede und davon, dass die Amerikaner eigentlich grundanständig seien und es für den Trump’schen Rassismus in den USA keinen Platz gibt etc.

Anmerkungen:

  1. Siehe u.a. hier und hier.
  2. Die Zahlen stammen von Wikipedia, die ihrerseits auf Daten der Website uselectionatlas.org (Stand 16.11.2016) zurückgreift. Amtliche Ergebnisse scheinen noch nicht vorzuliegen und je nach Quelle variieren die Zahlen auch leicht. Manche Websites geben sogar an, dass Trump hinter McCain und Romney lag. Die Grössenordnungen bleiben aber gleich.
  3. Natürlich wäre theoretisch auch eine andere Erklärung denkbar: Millionen von Wählern, die früher demokratisch gewählt haben, wechselten die Seiten. Oder aber es waren Heerscharen von Nicht-Wählern, die dieses Mal plötzlich an die Urne gingen, um es den Eliten mal so richtig zu zeigen. Das würde freilich bedingen, dass im Gegenzug ebensoviele Millionen, die normalerweise republikanisch wählen, gar nicht an die Urne gegangen sind. Mir scheint das aber nicht sehr wahrscheinlich und mir sind auch keine belastbaren Daten bekannt, die etwas Entsprechendes nahelegen würden.

In fremden Gefilden

BuchcoverMit Fantasy habe ich eigentlich wenig am Hut. Lord of the Rings habe ich vor Jahren gelesen, ohne dass es grossen Eindruck auf mich gemacht hätte, Harry Potter hat mich nach dem dritten Band nicht mehr sonderlich interessiert, und die neueren Fantasy-Blockbuster schaue ich mir – wenn überhaupt – eher aus Pflichtgefühl, denn aus genuinem Interesse an. Eine grosse Ausnahme bildet aber die Fernsehserie Game of Thrones, die mich restlos begeistert (ok, nicht völlig restlos. Staffel 5 und 6 konnten nicht ganz an die vorangegangenen Höhepunkte anschliessen).

Deshalb habe ich auch nicht lange gezögert, als mich Markus May letztes Jahr anfragte, an der von ihm organisierten Tagung zu Game of Thrones resp. zu Songs of Ice and Fire teilzunehmen (ich habe hier schon früher geschrieben). Nun ist, ungewöhnlich schnell und quasi passend zum Fernsehinterview, das ich kürzlich gegeben habe, der Tagungsband erschienen. Ich bin darin mit einem Artikel zur erzählerischen Funktion der Sexszenen in GoT vertreten.  Dazu ein Zitat aus der Einleitung:

Simon Spiegel untersucht in »›Everything in the world is about sex, except sex. Sex is about power.‹ Die Funktion der Sexpositions in GOT« die sowohl für Fern-sehverhältnisse wie auch die filmische Fantasy ungewohnt expliziten Sexszenen von GOT anhand des von Myles McNutt geprägten, in der Diskussion von GOT inzwischen etablierten Begriffs der Sexposition. Spiegel lokalisiert den Begriff im Rahmen des Quality TV-Diskurses, nutzt ihn für eine detaillierte Analyse der Sexszenen von GOT und zeigt, dass deren Funktion in der Serie die Sexposition als voyeuristische Informationsquelle weit überschreitet.

Wenn in «Game of Thrones» die Hüllen fallen, werden meist Machtfragen verhandelt.

Wenn in Game of Thrones die Hüllen fallen, werden meist Machtfragen verhandelt.

Update: Der Artikel ist mittlerweile online verfügbar.

 

Markus May / Michael Baumann / Robert Baumgartner / Tobias Eder (Hg.): Die Welt von »Game of Thrones«. Kulturwissenschaftliche Perspektiven auf George R.R. Martins »A Song of Ice and Fire«. Transcript: Bielefeld 2015
400 Seiten, ISBN 978-3837637007, 29,99.– €.

Erhältlich bei Amazon.

Inhaltsverzeichnis und Einleitung.

 

ZfF #11

Spät kommt sie, aber sie kommt. Rechtzeitig vor der GFF-Jahrestagung in Münster sollte dieser Tage die neue Ausgabe der Zeitschrift für Fantastikforschung bei den Abonnenten eintrudeln. Eigentlich hätte sie schon vor mehreren Monaten erscheinen sollen, aus verschiedenen Gründen hat sich die ganze Sache aber leider verzögert.

Neben rund 60 Seiten mit Rezensionen aktueller wissenschaftlicher Literatur bietet die Ausgabe viel Material für alle, die am SF-Kino interessiert sind. Joerg Hartmann leistet in seinem Artikel «‹An absolutely fascinating period piece …›» Grundlagenforschung. Hartmann ist im Rahmen seines Forschungsprojekts, in dem es eigentlich um die Metapher des Raumflugs geht, über Anton Kutters Kurzfilm Weltraumschiff 1 startet – Eine technische Fantasie aus dem Jahr 1936 gestolpert. Kutter war nicht nur Filmemacher, der nach ersten Erfolgen unter den Nazis in Ungnade fiel, sondern auch ein begeisterter Hobby-Astronom. Sein Film (auf YouTube verfügbar, s. unten) ist ein aus heutiger Sicht seltsamer Hybrid aus Fiktion- und Nichtfiktion mit durchaus sehenswerten Spezialeffekten. Über diesen halb vergessenen Film war bislang wenig Gesichertes bekannt; Hartmann hat sich in Archive begeben sowie Kutters Sohn Adrian ausfindig gemacht und kann nun erstmals die Entstehung dieses filmhistorischen Kuriosums dokumentieren.

Szilvia Gellai widmet sich in ihrem Artikel ebenfalls dem deutschen SF-Kino und zwar Rainer Werner Fassbinders Welt am Draht von 1973Fassbinders Verfilmung von Daniel F. Galouyes Roman Simulacron-3 aus dem Jahr 1964 ist zwar deutlich weniger obskur als Weltraumschiff 1 startet, da der Film aber lange nicht greifbar war, umwehte in während Jahren ein Hauch des Legendären. Welt am Draht ist eine Art Matrix avant la lettre und spielt in einer Welt, in der eine perfekte Computersimulation existiert, deren ‹Bewohner› nicht wissen, dass sie bloss Programme sind. Natürlich stellt sich je länger je mehr die Frage, ob denn die vermeintliche «Basiswelt» nicht ihrerseits ebenfalls eine Simulation ist. Gellai rückt den Moment des Conceptula Breakthrough, also die schlagartige Einsicht, dass die Welt ganz anders beschaffen ist als bisher gedacht, ins Zentrum ihrer Überlegungen und arbeitet zahlreiche Parallelen zwischen Fassbinders Film und Sigmund Freuds tiefenpsychologischem Modell heraus.

Welt am Draht

Virtual Reality im Jahr 1973

 

TitelblattAls ich vor gut zehn Jahren meine Dissertation Die Konstitution des Wunderbaren schrieb, konnte ich in der Einleitung noch guten Gewissens festhalten, dass kaum wissenschaftliche Studien zum SF-Fandom existieren würden. Das hat sich mittlerweile drastisch geändert, die Fan Studies gehören seit einigen Jahren zu den boomenden Feldern innerhalb der Fantastikforschung. Matthias Völckers Beitrag ist hierfür ein Beispiel. Völcker präsentiert in seinem Artikel «‹Du bist einfach nur ein absoluter Freak›» die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung, in deren Rahmen er 25 Interviews mit Star-Wars-Fans im Alter von sieben bis 46 Jahren geführt hat. Obwohl sich die interviewten Fans in Alter, Geschlecht und Interessen – einige der jüngeren Fans haben die Star-Wars-Filme noch gar nicht gesehen – unterscheiden, gibt es auch zahlreiche Gemeinsamkeiten. So beschreiben alle Interviewten eine Art Initiationserlebnis, das sie zum Fan machte; für alle ist Star Wars ein identitätsstiftender Gegenstand, der Teil ihres eigenen Selbstverständnisses ist.

AuroraIn meinem eigenen Beitrag beschäftige ich mich für einmal nicht mit Film. Vielmehr widme ich Aurora, dem jüngsten Roman des von mir hoch geschätzten Kim Stanley Robinson. In Aurora, der in SF-Kreisen für einigen Wirbel gesorgt hat, erteilt Robinson der Idee, dass der Mensch in absehbarer Zeit Planeten ausserhalb des Sonnensystems besiedeln könnte, eine deutliche Absage, was für manchen eingefleischten SF-Fan schon fast an ein Sakrileg grenzt.. Was mich in meinem Review Essay aber fast mehr interessiert, ist die Erzählkonstellation des Romans, denn als Erzähler fungiert in Aurora das Raumschiff, mit dem die Menschen zum titelgebenden Mond Aurora unterwegs sind. Ergänzt werden meine Überlegungen durch ein Interview mit Robinson, der sich wie immer als äusserst reflektierter Zeitgenosse erweist und über die teilweise heftigen Reaktionen keineswegs überrascht war: «Ich hätte etwas falsch gemacht, wenn es nicht zu entsprechenden Reaktionen gekommen wäre» (S. 88).

Das Inhaltsverzeichnis zum Download.