Tomorrowland

Wie immer gilt ein genereller Spoilervorbehalt. 1

In William Gibsons mittlerweile klassischer Kurzgeschichte The Gernsback Continuum 2 erhält ein Fotograf den Auftrag, die Überbleibsel futuristischer US-Architektur der 1930er- und 1940er-Jahre zu fotografieren, einen Stil, den Gibson als Raygun Gothic bezeichnet – Art-Déco- und Streamline-Moderne-Bauten mit Kurven, Chromstahl und knalligen Farben. Gebäude, die direkt aus den zeitgleich erschienen SF-Magazinen oder Filmen wie Metropolis und Things to Come zu stammen scheinen und damals von einer nicht allzu fernen Zukunft kündeten, die aber nie eintreffen sollte; «a kind of alternate America, 1980 that never was».

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Die Zukunft, die nie war. Ein Beispiel für Gibsons Raygun Gothic.

Der Ich-Erzähler lässt sich so sehr auf seinen Auftrag ein, dass er zu halluzinieren beginnt. Er sieht auf einmal «semiotic ghosts»; gegen seinen Willen spinnt er diese vergangenen Visionen der Zukunft weiter und imaginiert schliesslich eine ganze Hightech-Metropole, komplett mit ihren Bewohnern. «They were white, blond, and they probably had blue eyes. […] their bright eyes shining with enthusiasm for their floodlit avenues and silver cars. It had all the sinister fruitiness of Hitler Youth propaganda.»

Gibsons Erzählung ist eine beissende Polemik gegen die frühe Pulp-SF, deren naivem Technikoptimismus eine quasi-faschistische Ideologie unterstellt wird. Entsprechend ist der Protagonist am Ende froh, in der mehr oder weniger dystopischen Gegenwart und nicht der einst imaginierten blitzblanken – scheinbar perfekten – Zukunft zu leben.

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Noch mehr vergangener Futurismus.

Man kann sich darüber streiten, inwieweit Gibsons Diagnose fair ist, ob Hugo Gernsback und Co. tatsächlich verhinderte Wegbereiter einer Welt properer Nazi-Jünglinge waren. Auf jeden Fall ist es faszinierend zu sehen, wie skeptisch der wohl wichtigste SF-Autor der 1980er-Jahre seinem eigenen Genre gegenüberstand. The Gernsback Continuum ist eine grosse Absage an die einstigen Verheissungen der SF.

In meinem letzten Blogeintrag ging ich auf die derzeit oft gehörte Klage ein, dass es uns heute an positiven Zukunftsentwürfen mangle. Tomorrowland von Brad Bird, 3 dessen bisherige Filme mich alle mehr oder weniger stark begeistert haben, 4 erscheint wie eine direkte Antwort auf die Frage, ob wir uns derzeit nur noch Dystopien vorstellen können. Wie Gibson fragt auch Bird danach, was aus dem Enthusiasmus von einst geworden ist, allerdings kommt er zu einem völlig anderen Schluss. Tomorrowland ist quasi die optimistische Gegenposition zu The Gernsback Continuum.

Der Film erzählt von einer Welt – das titelgebende Tomorrowland, von dem nie ganz klar wird, ob es in der Zukunft, im All oder in einer Parallelwelt liegt –, in der die kreativen Genies dieser Welt ungehindert ihre Träume realisieren dürfen. Doch wie es bei Märchenländern üblich ist, ist auch diese Welt verwunschen und nur Auserwählten zugänglich. Diese Rolle kommt der jungen Casey (Britt Robertson) zu, einem aufgeweckten Teenager, der nicht begreifen will, warum alle Welt die Zukunft ausschliesslich in düsteren Farben sieht. Casey will sich nicht durch fiktionale und reale Dystopien deprimieren lassen, sie interessiert vielmehr, wie trotz allem eine bessere Zukunft realisiert werden kann.

Disney's TOMORROWLAND Tomorrowland Ph: Film Frame ©Disney 2015

Brad Birds Vision einer besseren Zukunft.

Tomorrowland ist ein unverhohlenes Plädoyer für Zukunftsoptimus für – obwohl der Begriff, soweit ich mich erinnere, nie fällt – positive Utopien. Grundsätzlich ein sympathisches Unterfangen, das leider überhaupt nicht funktioniert. Bird hat einen seltsam verkorksten Film abgeliefert, der auf so ziemlich allen denkbaren Ebenen Probleme hat. Was freilich nicht heisst, dass er gänzlich belanglos wäre. Vielmehr fällt Tomorrowland wie der hier bereits diskutierte Things to Come in die Kategorie ›hoch interessanter Murks‹.

Da wäre mal die Ebene der Erzählung: Natürlich weiss auch Bird, dass eine glückliche Welt keinen Stoff für einen Spielfilm abgibt, weshalb er eine Geschichte bastelt, die zwar extrem simpel ist – Prinzessin Casey und Zauberer Frank (George Clooney) vertreiben die böse Hexe resp. den bösen Nix (Hugh Laurie) aus dem Märchenland –, die aber ungeheuer umständlich dargeboten wird. Bis der Film halbwegs in die Gänge kommt, dauert es gut eine halbe Stunde. Von da an wird das Geschehen dann immer actionlastiger, was der Botschaft des Erzählten eigentlich diametral zuwider läuft. Respektive gibt der Film selbst hier eine Antwort darauf, warum Dystopien so populär sind: Krieg und Zerstörung sind nun mal spannender anzuschauen als Harmonie.

Wirklich bedenklich wird es aber, wenn man die Argumentation des Films genauer unter die Lupe nimmt. Wie Interstellar verknüpft auch Tomorrowland den schwindenden Zukunftsoptimismus mit dem Niedergang des US-Raumfahrtprogramms. In den 1950ern und 1960ern, als die USA zum Mond wollten, sah man noch hoffnungsvoll nach vorne, nun aber, da die Last Frontier für immer verschlossen scheint, macht sich Verzweiflung breit (die beiden Filme weisen übrigens noch weitere Parallelen auf: In beiden Fällen haben wir es mit einem frustrierten ehemaligen NASA-Mitarbeiter und alleinerziehenden Vater sowie dessen aufgeweckter Tochter zu tun. Mütter sind der Zukunft wohl generell nicht wohlgesonnen und fehlen deshalb jeweils).

Disney's TOMORROWLAND Casey (Britt Robertson)  Ph: Film Frame ©Disney 2015

Da bleibt Casey nur das Staunen.

Warum Raumfahrt und Zukunftsoptimismus irgendwie voneinander abhängen sollen, ist mir zwar nicht ersichtlich, man kann das aber immerhin als Generationen-Phänomen erklären. Für alle, die die besagte Zeit erlebt haben, dürften die beiden Dinge emotional wohl ganz direkt miteinander verbunden sein. Weitaus problematischer ist da die völlige Absenz von Politik in dieser Vision einer besseren Welt. Für Bird scheint eine Utopie allein eine Frage technischer Machbarkeit zu sein. Es ist nicht einmal so, dass sich der Film nicht für Politik interessieren würde, er lehnt sie vielmehr erklärtermassen ab. Tomorrowland ist der Ort, an dem sich Genies austoben dürfen; ungehindert von kleinen Geistern, Bürokratie und – ganz explizit – Politik.

Diese Konzeption einer Utopie – wenn man ein politikfreies Gebilde überhaupt so nennen kann – ist in mehrfacher Hinsicht absurd. Denn egal, wo man selber politisch steht, die Organisation einer Gesellschaft ist immer eine politische Frage. Technischer Fortschritt ist nicht etwas, was sich ausserhalb der Gesellschaft vollzieht, sondern wird offensichtlich in hohem Masse durch politisch-gesellschaftliche Rahmenbedingen beeinflusst. Das stimmt auch und gerade für die Raumfahrt, die Bird so wichtig ist. Nicht nur wäre es ohne den Kalten Krieg wohl nie zum Apollo-Programm gekommen, wenn es ein Beispiel für ein – erfolgreiches – staatlich initiiertes und finanziertes technisches Mammutprojekt gibt, dann ist es zweifellos die Mondlandung. Ohne die viel gescholtenen Politiker und Bürokraten hätte kaum bereits 1969 ein Mensch den Mond betreten.

Die Argumentation des Films ist somit in hohem Masse widersprüchlich. Ist das nur naiv oder doch schon Schlimmeres? Manche Kritiker sehen in dem Film den Widerhall von Ayn Rands Ideologie, die besagt, dass herausragende Individuen nicht durch die dumpfe Masse behindert werden dürfen. 5 Dies ist exakt, was in Tomorrowland geschieht: Hier dürfen sich einige Auserwählte verwirklichen, ohne auf den Pöbel Rücksicht nehmen zu müssen. Demokratie, Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit, das ist etwas für kleine Geister. Gibsons arische Übermenschen scheinen in der Tat nicht allzu fern.

NB: Wie bereits Pirates of the Caribbean ist auch Tomorrowland die Verfilmung einer Disney-Themenpark-Attraktion. Anders als Fredric Jameson meint, scheinen sich erzkapitalistische Gesinnung und Utopie also durchaus nicht auszuschliessen …

Anmerkungen:

  1. Grundsätzlich kann hier jede Pointe, jeder Twist, jede Überraschung verraten werden. Wer an Spoilerphobie leidet, sollte die Einträge zu aktuellen Filmen somit besser meiden.
  2. Die Erzählung erschien erstmals 1981 und war später u.a. im Gibsons Kurzgeschichtensammlung Burning Chrome sowie in der von Bruce Sterling herausgegebenen Cyberpunk-Anthologie Mirrorshades enthalten. Eine deutsche Übersetzung ist gratis auf diezukunft.de zu finden.
  3. Weil «Tomorrowland» in diversen europäischen Ländern eine geschützter Markenname ist, wird der Film hier unter dem Titel A World Beyond vertrieben.
  4. Für Rezensionen zu The Incredibles, Ratatouille sowie Mission: Impossible – Ghost Protocol siehe hier, hier und hier.
  5. Siehe etwa den Artikel von Charlie Jane Anders auf io9.com.

War die Utopie je utopisch?

It has become easier to imagine the end of the world than the end of capitalism.

Dieses Zitat von Fredric Jameson scheint derzeit den allgemeinen Ton an Tagungen zu SF und Utopie zu setzen. 1 Die Diagnose ist düster: Die Welt ist in einem schrecklichen Zustand und ein entfesselter Kapitalismus verhindert nicht nur, dass es besser wird, sondern hat alle Bereiche des Lebens – inklusive dem, was überhaupt noch denkbar ist – derart umfassend durchdrungen, dass wir schlicht nicht mehr in der Lage sind, uns eine andere Welt vorzustellen. Eine noch eher harmlose Folge dieser Misere ist der schon seit längerer Zeit zu beobachtende Boom an Dystopien und post-apokalyptischen Szenarien – primär, aber nicht nur im Kino. Es fehlt – so der allgemeine Tenor – an positiven Utopien, die uns hoffnungsvoll in die Zukunft blicken lassen.

Auch am 20. internationalen Bremer Symposium zum Film, an dem ich diesen Freitag eine Keynote halten durfte, grundierte diese resignative Einstellung viele Beiträge. Exemplarisch hierfür waren die beiden Keynotes von Vivian Sobchack und Sherryl Vint, zwei Koryphäen der amerikanischen US-Forschung, die zwar unterschiedlichen Generationen angehören, aber beide stark von Jameson beeinflusst sind und sich in der Einschätzung einig waren, dass die SF resp. die Utopie nicht mehr ist, was sie mal war.

Fredric Jameson

Fredric Jameson.

Wie ich bereits vor einiger Zeit in meinem Beitrag zur SF/F-Now-Konferenz geschrieben habe, bereitet mir diese pessimistische Sicht Mühe. Das mag zu einem gewissen Teil eine Temperament-Frage sein. Ich bin bei aller Skepsis betreffend der Gegenwart ein Optimist, was die langfristige Perspektive betrifft. Vielleicht ist das ein Ausdruck von Naivität, aber im Grunde kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie man ohne eine positive Sicht auf die Zukunft vernünftig leben kann.

Kommt hinzu, dass ich die Gegenwart bei allen Mängeln, die es zweifellos gibt, nicht als grundsätzlich negativ empfinde. Natürlich liegt weltweit manches im Argen, und im Vergleich zu dem, was viele Menschen täglich erleiden müssen, lebe ich auf einer Insel der Glückseligen. Für mich stellt sich aber die Frage, ob es je wirklich besser war und ob die Zuversicht früherer Generationen nicht zu einem beträchtlichen Teil auf seligem Nichtwissen beruhte. Wahrscheinlich blickte man in den 1950er und 1960er Jahren tatsächlich optimistischer in Zukunft, aber inwieweit war das u.a. eine Folge davon, dass man gerade eine schreckliche Zeit hinter sich hatte? War es damals denn wirklich so viel besser als heute? Seien es Rechte von Frauen oder von Minderheiten, der Kalte Krieg, mangelndes ökologisches Bewusstsein, gesellschaftliche Enge etc. etc. – ich bin auf jeden Fall froh, dass ich heute und nicht vor 50 Jahren lebe. Zweifellos wird noch immer Raubbau an der Natur betrieben, gibt es Kriege und Unrecht, aber ist nicht bereits die blosse Tatsache ein grosser Fortschritt, dass es mittlerweile unzählige NGOs gibt, die gegen solche Missstände ankämpfen, dass Umweltschutz-Richtlinien zur Selbstverständlichkeit geworden sind, dass für diese Probleme überhaupt ein Bewusstsein existiert? Ich möchte hier keineswegs unkritisch den Status quo verteidigen, aber es scheint mir keineswegs ausgemacht, dass es der Menschheit heute insgesamt schlechter geht als vor 20, 50 oder 100 Jahren.

Und was ist mit den Utopien, den angeblich fehlenden positiven Entwürfen? Es gibt heute auf jeden Fall mehr Dystopien als zu früheren Zeiten. Aber allzu viele SF-Filme, die eine rundum positive Zukunft entwerfen, gab es auch vor 20 oder 40 Jahren nicht (andernfalls wäre mein Forschungsprojekt überflüssig). Je länger ich mit der Utopie beschäftige, desto mehr scheint mir zudem, dass dieses Genre oft falsch verstanden wird. Denn in ihrem Kern ist die Utopie zuerst und vor allem eine Kritik an der Gegenwart. Sie ist ein Gegenbild, das aktuelle Missstände aufgreift und diesen eine Alternative entgegenhält. Zweifellos gibt es utopische Entwürfe, die ernst gemeint sind, die tatsächlich Idealbilder ihrer Autoren darstellen. Diese Form der Utopie ist aber nicht die einzige, und ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob sie über die Geschichte des Genres hinweg gesehen die dominante bildet. Zumindest der morussche Urtext ist eindeutig nicht als Anleitung für eine neue Gesellschaftsordnung gedacht. Und dies dürfte insgesamt wohl für die meisten der intelligenteren Utopien gelten. H. G. Wells etwa, der zahlreiche utopische Entwürfe verfasst hat, schreibt in seinem diesbezüglich programmatischen Pamphlet The Open Conspiracy explizit, dass er nicht darauf aus sei, einen definitiven Endzustand zu skizzieren. Vielmehr gehe es darum – und hier steht Wells den ihm ansonsten verhassten Marxisten erstaunlich nahe –, einen Prozess anzustossen, dessen Ausgang nicht absehbar ist. William Morris wiederum beschreibt in News from Nowhere zwar durchaus eine Welt, die in vielen Dingen seine Vorlieben widerspiegelt. Aber auch ihm dürfte klar gewesen sein, dass sein anarchistischer Wunschtraum in dieser Form kaum realisierbar ist.

Vegetal City

Wo sind die positiven Utopien geblieben – die Vegetal City von Luc Schuiten

Wie ich schon früher geschrieben habe, kann man das Fehlen rundum positiver Utopien zudem als quasi natürliche Folge der Evolution und Ausdifferenzierung des Genres verstehen. Gewisse Formen verbrauchen sich und werden durch neue Varianten ersetzt. Auf die klassische Utopie folgen die Dystopie, die kritische Utopie und schliesslich hoch reflektierte und mehrfach gebrochene Formen wie etwa die Romane Kim Stanley Robinsons. So verstanden kann man das Fehlen positiver Utopien auch als einen Reife- und Lern-Prozess verstehen. An die Stelle von naiven Totalentwürfen, welche auf der Basis einer Tabula rasa alles neu aufbauen wollen, treten Varianten, welche der Komplexität der Gegenwart Rechnung tragen.

Zum Schluss noch ein ketzerischer Gedanke: Wenn die klassische Utopie primär eine Kritik der jeweiligen Gegenwart darstellt, könnte das Fehlen positiver Entwürfe ja ein Anzeichen dafür sein, dass wir mit dem aktuellen System trotz allem gar nicht so unzufrieden sind. – Für Jameson wäre diese Sicht wohl bloss ein weiterer Beleg für unsere Unfähigkeit, eine Alternative zum Kapitalismus zu denken.

Literatur

Wells, H. G.: The Open Conspiracy. Blue Prints For a World Revolution. London 1928.

Morris, William: «News from Nowhere» (1890). In: Ders.: News from Nowhere and Other Writings. Hg. von Clive Wilmer. London 1998, 41–228.

Anmerkungen:

  1. Obwohl Jameson in der Regel als Urheber des Ausspruchs angegeben wird, konnte ich keine eindeutige Quelle ausmachen. In einem Artikel für die New Left Review schreibt Jameson selbst «Someone once said that …». Das Zitat scheint somit älter.

Sebastian Stoppe: Unterwegs zu neuen Welten

Mein aktuelles Forschungsprojekt geht von der Prämisse aus, dass es im Bereich des Spielfilms keine positive Utopien – auch Eutopien genannt – gibt. Die Gründe dafür sind einleuchtend: Die positive Utopie beschreibt eine Gesellschaft ohne Konflikte, die Figuren sind reine Platzhalter und der Handlungsrahmen dient nur als Vorwand für das eigentliche Anliegen: Die detaillierte Beschreibung des utopischen Staates.

So weit ist sich die Forschung mehr oder weniger einig; die meisten Studien zur filmischen Utopie wenden sich deshalb, nachdem sie festgestellt haben, dass es keine untersuchenswerten Eutopien gibt, der Dystopie zu. Ich selber habe anderes vor – ich widme mich positiven Entwürfen im Dokumentar- und Propaganda-Film.

Buchcover

Obwohl mein Forschungsschwerpunkt somit nicht beim Spielfilm liegt, bin ich an diesem Feld dennoch nach wie vor interessiert (wie man auch an diesem Blog sieht). Entsprechend neugierig war ich auf Sebastian Stoppes Unterwegs zu neuen Welten, das ich für das Journal of the Fantastic in the Arts rezensieren durfte. Stoppe widmet sich in seinem Buch dem Star-Trek-Franchise, das er als positive Utopie liest. Dieser Ansatz ist nicht neu – Dominik Orth hat dazu beispielsweise schon einen Aufsatz geschrieben 1 – und liegt bis zu einem gewissen Grad auch auf der Hand. Denn zweifellos enthält Star Trek verschiedene utopische Elemente: Die Serien und Filme spielen vor dem Hintergrund einer galaktischen Föderation, in der Menschen und zahlreiche ausserirdische Völker mehr oder weniger friedlich vereint sind. Die Technik ist weit fortgeschritten, die Wirtschaft funktioniert ohne Geld und dank Replikator-Technik gehören Ressource-Probleme weitgehend der Vergangenheit an.

Reichen diese und weitere Elemente nun aber aus, um aus Star Trek als Ganzes eine Utopie zu machen? Die Beantwortung dieser Frage hängt natürlich davon ab, wie eng man den Begriff der Utopie fasst. Bislang war ich der Ansicht, dass Star Trek vom morusschen Modell trotz einiger Gemeinsamkeiten ziemlich weit entfernt ist. Die klassische Utopie in der morusschen Tradition beschreibt seitenlang, wie das politische System, die Wirtschaft, Familie und Erziehung, das Kriegswesen und diverses anderes organisiert ist. Dass kein Spielfilm diese Vollständigkeit auch nur annähernd erreicht, erstaunt nicht. Aber Star Trek ist ja weit mehr als bloss ein Film. Es ist ein Megatext, zu dem neben den Serien und Filmen auch Romane, Comics und offizielle Referenzbücher gehören. Angesichts der Vollständigskeitswut, die sich bei solchen Unternehmen oft beobachten lässt, wäre es durchaus möglich, dass sich genug Material zusammentragen lässt, das in der Summe ein ähnlich komplettes Bild ergibt. Stoppe greift denn auch explizit auf entsprechende kanonisierte – das heisst: durch die Rechteinhaber autorisierte – Bücher zurück.

Die Brücke der Enterprise.

Doch kein utopischer Raum.

Gelingt es Stoppe also, den in Star Trek vergrabenen utopischen Entwurf herauszuarbeiten? Mit einem Wort: nein. Auch nach 300 Seiten war zumindest für mich nach wie vor nicht klar, warum Star Trek nun eher als Utopie gelten sollte als diverse andere Space Operas. Dass es utopische Elemente in der Franchise gibt, ist unbestritten, diese machen Star Trek als Ganzes aber noch nicht zur Utopie. Zumal sich Stoppe durchaus am Idealtypus Utopia orientiert und somit von einem ähnlich engen Utopie-Begriff wie ich ausgeht. Es gibt zwar durchaus Gemeinsamkeiten, die blosse Tatsache, dass zum Beispiel sowohl Utopia als auch Star Trek ohne Geld auskommen, ist aber noch kein starkes Argument. Denn bei Morus erhalten wir Ausführungen, wie diese fiktive Wirtschaft funktionieren soll, bei Star Trek dagegen wird nichts erklärt resp. bleiben die Ausführungen recht wolkig. Dies gilt auch für eines der wichtigsten Elemente jeder Utopie – der Staatsorganisation. Stoppe kann auch nach ausführlicher Analyse nicht darlegen, wie das politische System von Star Trek aufgebaut ist und in welchem Verhältnis die verschiedenen Institutionen – so sie denn überhaupt bekannt sind – zu einander stehen. Dass dies so ist, überrascht freilich nicht. Zum einen geht es bei Star Trek in erster Linie eben nicht um die Darlegung eines utopischen Entwurfs, zum anderen wäre es für die Autoren des Franchise wohl eine unnötige Einschränkung, wenn all diese Dinge genau festgelegt wären. Die Vagheit des Entwurfs dürfte hier durchaus gewollt sein, denn sie schafft Spielraum.

Nicht nur bin ich mit Stoppes Fazit nicht einverstanden, es gibt noch weitere Dinge, die mich an seiner Studie, die als Dissertation an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg entstanden ist, irritieren. So gibt es mindestens drei umfangreiche deutschsprachige Studien zur filmischen Utopie 2 – Stoppe erwähnt keine davon. Fast noch seltsamer ist, wie viel Zeit der Autor damit verbringt, das Star-Trek-Universum vorzustellen – mit allen Quadranten, Rassen, Raumschiffen etc. In diesen Ausführungen erinnert sein Buch eher an ein Fan-Kompendium als an eine wissenschaftliche Studie. Zumal ein Grossteil dieser Ausführungen kaum etwas zum eigentlichen Thema beiträgt. Indem er auf die verschiedenen Allianzen und Konflikte eingeht, will Stoppe zeigen, dass Politik ein wichtiger Faktor in Star Trek ist. Wenn das allerdings bereits utopisch ist, müsste auch Game of Thrones als Utopie gelten.

Für mich hat Unterwegs zu neuen Welten letztlich nur bestätigt, dass Star Trek trotz einzelner utopischer Elemente insgesamt nicht als positive Utopie gelten kann.

Meine «offizielle» Rezension wird in einer der kommenden Ausgaben des Journal of the Fantastic in the Arts erscheinen.

Update: Die Rezension ist mittlerweile erschienen und hier verfügbar.

Stoppe, Sebastian: Unterwegs zu neuen Welten. Star Trek als politische Utopie. Darmstadt: büchner 2014.
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Anmerkungen:

  1. Orth, Dominik: «Mediale Zukunft — Die Erreichbarkeit des (Anti-)Utopischen». In: Medienobservationen, 2008. http://www.medienobservationen.lmu.de/artikel/kino/ kino_pdf/orth_zukunft.pdf
  2. Zirnstein, Chloé: Zwischen Fakt und Fiktion. Die politische Utopie im Film. München: Utz, 2006; Müller, André: Film und Utopie. Positionen des fiktionalen Films zwischen Gattungstraditionen und gesellschaftlichen Zukunftsdiskursen. Berlin: Lit, 2010; Endter, Heike: Ökonomische Utopien und ihre visuelle Umsetzung in Science-Fiction-Filmen. Nürnberg: Verlag für moderne Kunst Nürnberg, 2011.

20. Internationales Bremer Symposium zum Film

Eine kleine Ankündigung: Vom 6. bis 10. Mai findet dieses Jahr das 20. Internationale Bremer Symposium zum Film statt. Thema der Veranstaltung ist «Die Zukunft ist jetzt. Science Fiction Kino als audio-visueller Entwurf von Geschichte(n), Räumen und Klängen». Im Rahmen des Symposiums werde ich neben so illustren Damen wie Vivian Sobchack und Sherryl Vint eine Keynote halten.

Geht unter die Haut: «Under the Skin».

Geht unter die Haut: «Under the Skin».

Der Titel meines Vortrags lautet «An der Grenze des Fremden. Naturalisierung und Verfremdung im neueren Science-Fiction-Kino». Ich werde darin aufbauend auf den Überlegungen zur Verfremdung in meiner Dissertation vor allem Avatar und Jonathan Glazers phänomenalen Under the Skin analysieren.

Das komplette Programm des Symposiums findet sich hier.